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Erinnerungen an 1-DM-Joberei

Sandro Mohn

Etwa Mitte der 90er Jahre
war ich vollkommen abgebrannt
und musste Sozialhilfe beantragen
und bekam sie auch.

Nun, das Geld reichte
im Endeffekt genau zum Überleben.
Aber ich war
in meiner Existenz
erst einmal gesichert.

Trotzdem war es so,
dass ich nicht wusste,
wohin ich mich entwickeln sollte.

Und dann gab es ein Angebot,
das ich nicht abschlagen konnte
— im wahrsten Sinne des Wortes —
aber ich war durchaus dankbar dafür.

Es gab die Möglichkeit,
also für eine Mark pro Stunde,
ich glaube 50 oder 100 Stunden
im Monat zu arbeiten
und man konnte sich dann noch
100 Mark zu seiner Sozialhilfe
dazu verdienen.

Da ich zu der Zeit rauchte
und Rauchen schon erheblich teuer war,
ging ich also auf dieses Angebot ein
und wurde vermittelt in einen Verein,
nicht weit von mir entfernt,
der mit Kindern und Schülern
Freizeitangebote bot
und staatlich gefördert war.

Das Projekt bestand
in der Leitungsebene
nur aus Frauen,
aber ich war Leiterinnen gegenüber
immer aufgeschlossen
und fand das völlig okay,
dass die Frauen so etwas
erfolgreich aufgebaut hatten.

Es gab also in diesem Verein,
in diesem Projekt auch Männer,
die dort gearbeitet hatten,
die meistens auf ABM-Grundlage
angestellt waren.

Und da ich ja Computer bedienen konnte
und damals Mitte der 90er Jahre
noch viele keinen Computer hatten,
wurde ich dann an einen Macintosh gesetzt
und sollte dann Flyer
und Ähnliches entwerfen.

Hochinteressant war aber,
dass es die Frauen waren,
die sich darüber beschwert hatten,
dass die eigene Leitung
nur aus Frauen besteht.

Das war ein Punkt, den ich hochinteressant
und spannend fand,
weil die Frauen sich darüber beklagten,
dass die Sitzungen endlos dauern würden
und so eine gewisse Entscheidungsschwäche
vorherrschen würde,
beziehungsweise ein merkwürdiger Hickhack
in der Hierarchie.

Ich glaube, Frauen sind,
was Hierarchie betrifft,
viel sensibler als Männer.

Männer klären einmal,
wie ist die Hierarchie
und dann wird es akzeptiert.

Frauen hingegen kommen damit scheinbar nicht klar,
wenn sie in einer weiblichen Hierarchie
irgendwo eingeordnet werden.

Ich war damals sehr jung
und fand diese Erkenntnis überraschend,
weil sie so grundsätzlich
von dem abwich,
was man in den Medien
und von der Politik
sonst so hörte.

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