Sehen
Erinnerungen an 1990
Das Jahr 1990
war ein höchst bemerkenswertes Jahr
für mich.
Es war ja das Jahr nach dem Zusammenbruch
der SED-Herrschaft
und das erste Jahr,
wo es freie Wahlen gab,
das Jahr,
wo ich selber als Abgeordneter
für natürlich das unterste Parlament
gewählt wurde.
Es war das Jahr, wo ich mein erstes Unternehmen gründete,
was vor allem ein Jahr später
schon wieder pleite war.
Aber trotzdem, es war das Jahr,
wo viel möglich schien,
wo die Bürokratie einem
keine Steine in den Weg gelegt hat.
Das war eine der interessantesten Erfahrungen,
die man machen konnte,
dass eine Bürokratie plötzlich
vollkommen kooperativ war
und Dinge genehmigte.
Ich glaube, weil die Leute selber keinen Bock hatten
und irgendwie sich dachten,
na ja,
geht eh alles unter,
sollen sie mal machen,
die lieben Künstler,
sollen sie mal das Haus besetzen,
uns egal.
So eine Stimmung herrschte
und es war,
wie gesagt,
hochinteressant,
so etwas zu erleben.
Im Vergleich zu heute,
wo die Bürokratie ja auch immer enger
und immer bevormundender wird,
ist es schon interessant,
dass es auch anders geht
und dass es andere Zeiten mal gab.
Aber diese Zeit war nicht lange,
denn kurze Zeit später
war ja die Wiedervereinigung
und dann herrschte natürlich auch
ein etwas strengeres Regime,
weil die bundesrepublikanische Ordnung natürlich
ganz anders aufgebaut war.
Das Jahr 1990 war aber natürlich auch insofern interessant,
weil die Fußball-WM stattfand
und Deutschland,
also in dem Augenblick,
wir waren ja noch nicht wieder vereinigt,
Westdeutschland Weltmeister wurde.
Es war das Jahr der Wiedervereinigung,
die so schnell über die Bühne gezogen wurde,
dass man in vielen Teilen
gar nicht mitkam.
Das heißt, wenn man irgendetwas akzeptiert hatte,
dann war das schon fast wieder überholt
und es herrschte etwas Neues,
was geschehen sollte.
Und wenn man sich daran gewöhnt hatte,
war das auch schon wieder veraltet.
Also man wurde wirklich
von der Weltgeschichte überrollt
und man hat gar nicht wirklich mitbekommen,
wie weltgeschichtlich das eigentlich alles ist.
Natürlich hat man es als Weltgeschichte schon erfasst,
dass wenn die Mauer fällt,
dann ist das schon eine höchst bedeutsame Sache.
Aber die gesamten Auswirkungen
und was alles sozusagen da hinten noch mit dran hängt
an Rattenschwanz,
an Veränderungen und Dingen,
die sozusagen erst ihre volle Wirkung
Jahre später entfalten,
das hat man in diesem Augenblick
gar nicht mitbekommen.
Und natürlich hat man auch mitbekommen,
dass alle ihre Trabants und Wartburgs
weghaben wollten
und neue Autos kauften
und die westdeutschen Gebrauchtwagenhändler
ihr Glück gar nicht fassen konnten darüber,
dass sie das Geschäft ihres Lebens machten.
Insofern war 1990 wirklich für mich
eines der bemerkenswertesten Jahre
und ich bin heilfroh,
dass ich zu diesem Zeitpunkt
nicht mehr bei der Armee war.