Sehen

Erinnerungen an an meine Stiefmutter

Sandro Mohn

In der zehnten Klasse hatte ich einen unangenehmen Streit
mit meiner Stiefmutter.

Es war Herbst und ich wollte zu einem Treffen fahren.

Doch leider wurde mir das von ihr verboten,
angeblich weil ich für die Prüfungen lernen sollte.

Dieses Verbot war aber aus meiner Sicht reine Schikane,
denn ich stand in den Fächern gut bis sehr gut
und ich wusste und ich roch,
dass dieses Verbot einzig und allein darauf abzielen sollte,
mich zu demütigen.

Jetzt bin ich aber kein Mensch,
der so etwas einfach hinnimmt,
beziehungsweise ich hatte keine Lust,
meiner Stiefmutter einen zerknirschten,
deprimierten Eindruck zu geben.

Ich wusste, dass sie darauf wartet,
dass ich mit sauertöpfischer Miene
durch die Wohnung laufe
und ihr damit zeige,
dass sie am längeren Hebel sitzt
und diesen beschissenen Machtkampf,
auf den ich eigentlich gar keine Lust hatte,
gewonnen hat.

Da ich ja Sonnabends immer
die Treppe fegen und putzen musste,
eine meiner Aufgaben,
beschloss ich,
meiner Stiefmutter den Stinkefinger zu zeigen.

Und ich fragte mich,
wie erreiche ich das?

Und ich dachte mir,
der einzige Weg,
meiner Stiefmutter den Triumph zu entreißen,
ist, gute Laune zu haben.

Ihr einfach zu zeigen,
ich unterwerfe mich nicht deinem Machtdrang.

Und dann drehte sich bei mir natürlich im Kopf die Frage,
wie bekomme ich gute Laune?

Wie demonstriere ich gute Laune?

Und dann fing ich einfach an,
vor mich hin zu singen und zu pfeifen.

Und ich dachte mir,
wenn ich lange genug mir einbilde,
gute Laune zu haben,
dann werde ich auch gute Laune bekommen.

Ich war zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre alt
und ich hatte damals keine tiefgreifenden Kenntnisse der Psychologie.

Aber ich habe, glaube ich,
intuitiv richtig gehandelt.

Und das Schöne war,
dass ich tatsächlich gute Laune bekam.

Also, dass das mir-selbst-Vorspielen von guter Laune
tatsächlich bewirkte,
dass ich gute Laune hatte.

Das hat auch meine Stiefmutter natürlich dann irgendwann mitbekommen,
weil man seine Laune ja ausstrahlt.

Und sie war völlig verwundert
und ich glaube auch ziemlich frustriert darüber,
dass ich eben nicht so reagierte,
wie sie es prognostiziert,
erwartet und gewollt hatte.

Und das war dann mein Triumph.

Weil ich wusste, ich habe gesiegt.

Ich habe zwar die Fahrt nicht antreten können,
aber die Fahrt war mir dann egal.

Ich wollte einfach nur zeigen,
dass ich ein unabhängiger und souverän agierender Mensch bin.

Und ich denke, ich habe das mit meinen 17 Jahren auch hinbekommen.

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