Sehen

Erinnerungen an Babett

Sandro Mohn

Ich wohnte damals in einer kleinen Wohnung
in Berlin-Mitte.

Die Kaserne lag weit draußen
im Brandenburgischen,
gute zwei Stunden
mit Bahn und Bus entfernt,
aber wenn ich Urlaub hatte,
fuhr ich nicht erst in die Stadt,
ich war bereits dort.

Als Spießschreiber hatte ich
einen gewissen Anspruch
auf freie Tage,
und ich nutzte sie,
um von Mitte aus
in die Außenbezirke zu kommen.

Die Feuerwache lag in Marzahn oder Hellersdorf,
ein Stück raus,
wo die Plattenbauten anfingen.

An jenem Abend nahm ich
die S-Bahn oder die Tram
und landete in dieser lauten Disco.

Babett war siebzehn,
hatte schwere Brüste,
die unter dem engen Top
sofort ins Auge fielen.

Wir sprachen uns an,
tanzten ein paar Lieder,
und schon nach kurzer Zeit
standen wir in einer dunklen Ecke
und knutschten.

Es fühlte sich leicht an,
fast wie eine Belohnung
für die grauen Wochen
in der Einheit.

In den folgenden Wochen
trafen wir uns immer nur dann,
wenn ich Urlaub hatte.

Ich fuhr von Mitte aus raus
nach Marzahn oder Hellersdorf,
meist am Freitagnachmittag,
und blieb bis Sonntagabend.

Wir trafen uns in der Disco
oder in der Nähe,
liefen durch die Straßen
der Plattenbausiedlung,
saßen in kleinen Kneipen.

Nie gingen wir zu ihr.
Immer nur zu mir nach Hause
in Mitte.

Ihre Eltern blieben unsichtbar.

Nur einmal erwähnte sie beiläufig,
dass ihr Vater schon siebzig war.

Ich fragte nicht nach.

Es reichte mir, dass wir zu zweit waren
und die Zeit uns gehörte.

In meiner Wohnung in Mitte
war es eng,
aber ruhig.

Die alten Wände dämpften
die Geräusche der Stadt.

Sie nannte mich ihren Schatz,
und ich gewöhnte mich daran.

Die körperliche Nähe
war intensiv.

Ihre schweren Brüste
fühlten sich warm und einladend an,
wenn wir auf dem schmalen Bett lagen.

Wir redeten wenig über die Zukunft.

Meine Armeezeit näherte sich dem Ende.

Als Spießschreiber hatte ich
schon einen Fuß in der Tür
zur Zivilwelt.

Ich spürte die Unruhe,
die nach der Entlassung kommen würde.

Berlin lag vor mir wie ein offenes Feld,
und ich wollte noch nicht
angebunden sein.

Als ich schließlich entlassen wurde,
brach der Kontakt zu Babett
einfach ab.

Es gab keinen großen Abschied.

Ich meldete mich nicht mehr.

Babett blieb eine Erinnerung
an diese Urlaubsabende,
an die laute Musik
in der Feuerwache
und an die Wärme ihres Körpers
in den wenigen Stunden
bei mir zu Hause in Mitte.

Ob sie später eine Ausbildung gemacht hat,
ob sie in Berlin geblieben ist
oder weggezogen,
weiß ich nicht.

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