Sehen

Erinnerungen an Bücher von Umberto Eco

Sandro Mohn

Ich glaube, jedermann kennt den Film
„Der Name der Rose"
mit Sean Connery
und Christian Slater,
die Verfilmung
von Umberto Ecos Roman.

Ein toller Film.

Ich habe seinerzeit
bei der Armee
auch den Roman dazu gelesen
und war fasziniert darüber,
wie viel Intrigantentum
es in der katholischen Kirche gab.

Der Roman ist ja noch viel interessanter
als der Film,
der selbst zwar ein Meisterwerk ist
und den ich mir immer wieder
gern anschaue.

Aber das Buch ist noch
um Klassen besser.

Nach der Armeezeit bekam ich dann
ein anderes Buch von Umberto Eco
von einem Freund geschenkt,
der es mir gab,
weil er mit dem Buch nicht klarkam.

Es ist „Das Foucaultsche Pendel",
dieses Buch,
das selbst von dem Literaturpapst
als schrecklich und nichtbedeutend
eingestuft wurde,
was mich später wunderte,
nachdem ich es gelesen hatte.

Ich ließ dieses Buch liegen.

Es bekam ja auch schlechte Kritiken
von angeblichen Literaturkennern.

Aus einer Laune heraus
nahm ich es mir zur Brust,
und es war nichts.

Ich legte nach fünfzehn Seiten
das Buch weg.

Es lag wieder eine Weile herum.

Dann machte ich einen zweiten Anlauf.

Und tatsächlich, Umberto Eco hat die ersten fünfzig Seiten
so gestaltet,
dass man entweder abspringt
oder durchhält.

Und wenn man durchhält,
dann wird man belohnt
mit einem wunderbaren Kriminalroman,
der aber noch mehr ist
als ein simpler Krimi –
mit einer hochkomplexen Geschichte
über Kirchengeschichte
und über die Tempelritter.

Ich habe mir danach Sekundärliteratur besorgt
und war erstaunt und fasziniert,
dass alles,
was ich in dem Buch gelesen hatte,
der Wahrheit entsprach.

Eco hatte sich nichts ausgedacht,
sondern er hatte die bestehenden historischen Erkenntnisse
zu einem wundervollen Buch zusammengeführt.

Und wie der Zufall es will,
bin ich mehrere Monate später
mit meiner damaligen Freundin
nach Frankreich gefahren.

Wir hatten von den Eltern meiner Freundin
den Zweitwagen geborgt bekommen
und fuhren bis an die Atlantikküste,
dabei durch das Loire-Tal.

Das war in den frühen Neunzigern.

Ich war zum allerersten Mal dort.

Was mich fasziniert hatte,
war, dass ich quasi an den Originalstellen vorbeikam,
in denen das Foucaultsche Pendel spielte.

Ich befand mich plötzlich in Chinon
und war dann in einer Burg
und plötzlich in dem Verlies,
in dem die Tempelritter
vor 700 Jahren eingekerkert waren.

Ich fuhr durch Wälder,
aus denen es mich nicht gewundert hätte,
wenn dort ein Ritter
auf einem Pferd plötzlich herausgekommen wäre.

Das war für mich ein großes Aha-Erlebnis.

Vor allen Dingen, weil die Zeit so dicht gedrängt war:
ein Buch zu lesen
und dann ein Vierteljahr später
in der Kulisse genau dieses Buches zu sein.

Das hat mich schon massiv beeindruckt.

Und nach wie vor halte ich dieses Werk
für ein literarisches Meisterwerk,
Herr Reich-Ranicki.

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