Sehen
Erinnerungen an Bulgarien
Mit dreizehn Jahren wurde ich überrascht:
Meine Schule schenkte mir eine Reise nach Bulgarien.
In ein internationales Ferienlager.
Und die Reise war auch in der Hinsicht etwas Besonderes,
weil ich zum ersten Mal mit dem Flugzeug fliegen sollte.
Und zum anderen, weil diese Reise akribisch vorbereitet wurde.
Wir, die wir diese Reise geschenkt bekommen hatten,
waren ungefähr zwanzig Kinder aus verschiedenen Berliner Schulen.
Wir trafen uns drei- oder viermal vorher
und wurden instruiert,
wie wir uns zu verhalten haben.
Und so weiter.
Hinterher stellte sich alles viel einfacher heraus.
Es war ein ganz normales Ferienlager,
und wir Deutschen waren die einzigen internationalen Gäste.
Im Endeffekt lag man die ganze Zeit nur am Strand.
Zwei- oder dreimal sind wir weggefahren
oder spazieren gegangen.
Wir sind nach Varna gefahren
und haben uns einmal die Altstadt angeschaut.
Ansonsten haben wir von morgens bis abends am Strand gelegen
und sind baden gegangen.
In den ersten drei Tagen gab es noch eine bulgarische Gruppe,
die dann leider abreiste.
Wir waren drei Jungs
und hatten uns mit drei bulgarischen Mädchen angefreundet.
Ich war in dem Alter,
wo für mich Mädchen interessant wurden.
Mein Mädchen hieß Mariella.
Ich kann mich noch genau daran erinnern.
Die andere hieß Jofka.
Den dritten Namen habe ich vergessen.
Ich bin der Meinung,
dass ich die Hübscheste von allen dreien hatte.
Danach sind sie abgereist,
und ich habe sie nie wieder gesehen.
Es gibt nur ein Foto,
wo wir zu dritt drauf sind.
Gott sei Dank hatte ich einen Fotoapparat dabei,
sodass wir uns einmal fotografieren lassen konnten.
Das Interessante ist:
Als ich wieder in Berlin war,
erhielt ich vierzehn Tage später ein Paket aus Bulgarien.
Interessanterweise nicht von Mariella,
sondern von Jofka,
die ja eigentlich einem anderen Jungen als Freundin zugeteilt war.
Die aber komischerweise meine Adresse herausbekommen haben muss.
Sie schickte mir ein Paket mit Bonbons
und allen möglichen Sachen
und Rosenwasser.
Das Fläschchen war leider kaputtgegangen.
Und alles in dem Paket stank nach Rosenwasser.
Ich hatte überlegt,
ob ich ihr ein Paket zurückschicke.
Beziehungsweise einen Dankesbrief schreibe.
Aber ich war eine erzfaule Sau,
was das Schreiben betrifft.
Ich hab's nicht gemacht.
Heute bedauere ich es.
Ich habe mich wirklich über das Paket gefreut.
Aber wer weiß, was gewesen wäre,
wenn ich geantwortet hätte.
Ich kann mir vorstellen,
dass ich als Deutscher für die Bulgaren interessant war.
Exotisch.
So wie umgekehrt die Bulgaren für uns.
Aber man ist nun mal als Teenager doof.
Und ich wusste auch nicht,
wie ich auf Bulgarisch antworten sollte.
Eine verpasste Gelegenheit.
Aber eine schöne Erinnerung.