Sehen
Erinnerungen an Casanova
Meine damalige Freundin,
die mir die beiden Katzen angeschleppt hatte –
ihr waren irgendwann die beiden Katzen nicht mehr genug,
wollte einen Hund haben.
Sie hat das mit mir auch nicht wirklich abgesprochen,
sondern einfach durchgezogen,
zu einem Zeitpunkt,
als ich auf Dienstreise war.
Als ich wiederkam, hatte ich einen Retrieverwelpen zu Hause,
der natürlich sehr süß war.
Aber ich fragte mich natürlich,
wie soll das mit den Katzen gehen?
Die sind ja nun nicht hoch erfreut,
wenn plötzlich noch ein Hund auftaucht.
Man kennt ja auch das Thema Hund und Katze.
Wenn Katzen sehr jung sind,
gewöhnen sie sich an Hunde.
Aber wenn sie schon älter sind,
kommen sie mit Hunden nicht klar,
auch wenn der Hund ein Welpe ist.
Die Körpersprache ist einfach viel zu unterschiedlich.
Ich fragte mich auch,
wer denn mit dem Hund rausgehen wird.
Ich kannte meine damalige Freundin
und wusste,
dass das so eine Bauchentscheidung war
und im Endeffekt an mir klebenbleiben würde.
So war es dann natürlich auch prompt.
Sie hatte mir zwar hoch und heilig versprochen,
dass das nicht der Fall sein wird,
aber ich wurde eingespannt,
mit dem Hund runterzugehen,
ihn Gassi zu führen.
Ich könnte ja immerhin dabei auch gleich Brötchen einkaufen,
und so weiter.
Man lässt sich natürlich breitschlagen,
weil man den Konflikt ja nicht am Hund austragen will.
Und so kam es, dass ich mich nicht nur um die Katzen kümmerte,
sondern auch um den Hund.
Dieser Hund, er war natürlich süß.
Und wenn er einmal da ist,
dann möchte man ihn auch nicht mehr missen.
Das Fell weich wie mit Perwoll gewaschen.
Hätte man ihn in einem Warenhaus
in die Spielzeugabteilung getan,
da wo die Teddybären sind
und die ganzen Plüschtiere,
und hätte ihn ins Regal gelegt –
niemand hätte einen Unterschied bemerkt.
Außer vielleicht, dass dieser Hund dann doch ein bisschen zu lebhaft ist.
Es war nicht einfach,
mit ihm auf die Straße zu gehen,
vor allen Dingen in den Park.
Der Mauerpark war ja in der Nähe,
und es war immer eine Katastrophe,
ihn ohne Leine laufen zu lassen.
Sobald er sah, dass dort irgendjemand aß,
sprang er hin
und schnappte auch schon mal jemandem einfach
das Stullenbrot aus der Hand weg.
Ich habe da einige kuriose Sachen erlebt.
Er war auch immer am Schnüffeln
in irgendwelchen Mülltonnen,
ob es da nicht was zu fressen gibt.
Mit einem Retriever würde man nie verhungern,
weil der findet immer was zu fressen.
Er war ein Rüde, er war ein Casanova,
und so hieß er auch.
Er konnte wunderbar in einer Kneipe,
wenn man sich mit ihm hingesetzt hatte,
mit den dort anwesenden Frauen flirten.
Er wusste sehr genau,
was eine Frau ist
und was ein Mann ist,
konnte das sehr gut unterscheiden.
Er war sich seiner selbst als Rüde
mehr als bewusst.
Wenn eine läufige Hündin vorbei stolzierte,
war es um ihn geschehen,
dann hatte man äußerste Mühe,
ihn wieder unter Kontrolle zu kriegen.
Meine Freundin hat ihn später,
als ich nicht mehr ihr Partner war,
noch einige Jahre gehabt.
Dann wurde es ihr zu viel,
und im Endeffekt war er für sie doch nur ein Spielzeug,
was ich schade fand.
Denn der Hund war sehr intelligent
und auch sehr sozial eingestellt,
anhänglich.
Dann hat sie ihn an eine Familie gegeben,
die ein Bauernhaus hatte,
und dort hat er die letzten Jahre seines Lebens verbracht.
Ich habe ihn dort leider nicht besucht.
Ich habe nur einmal ein Foto erhalten von ihm,
wie er da liegt und schläft.
Ich denke manchmal noch an ihn,
an den kleinen Schelm,
der mir manchen Streich gespielt hat.
Und ich hoffe, dass er im Hundehimmel
ein gutes Leben führt.