Sehen

Erinnerungen an Danzig

Sandro Mohn

Der Schaurig-Schöne war immer für eine Überraschung gut.
Es war Mitte der 90er Jahre,
als ich ihn auf einen Sonntagnachmittag besuchte.

Es war schon relativ spät,
so zwischen 17 und 18 Uhr,
und er machte mir den Vorschlag,
ob wir nicht nach Danzig fahren wollen.

Er hatte gerade einen Trabant geschenkt bekommen,
vermutlich von seinen Eltern oder anderen Verwandten,
die sich wiederum einen Westwagen gekauft haben werden,
so vermute ich es.

Und er wird dann halt diesen Trabant bekommen haben,
weil er ausrangiert wurde,
aber trotzdem immer noch fuhr.

Und darum sagte er zu mir,
komm, wir fahren nach Danzig,
was hältst du davon?

Ich war zu diesem Zeitpunkt auch relativ spontan eingestellt
und sagte, ja, kein Problem,
lass uns das machen.

Ich glaube, es wird schon Herbst gewesen sein,
so Ende September, Anfang Oktober,
aber es war noch eine relativ angenehme Jahreszeit
und das Wetter war noch so,
dass man eine Tour riskieren konnte.

Wir fuhren also los,
18 Uhr,
nicht mehr lange
und dann brach die Dämmerung herein
und kurze Zeit später,
die Grenze ist ja nicht weit von Berlin,
waren wir im ehemalig deutschen Gebiet,
jetzt mittlerweile Polen,
und ich glaube,
wir sind dort mittendurch Pommern gefahren.

Und wir waren überrascht und erstaunt,
dass diese Gegend vertraut
und gleichzeitig auch ganz anders aussah.

Es war teilweise wirklich menschenleer,
also auch keine Häuser oder Ortschaften,
sondern wirklich nur Wald,
durch den man gefahren ist.

Ich kann auch gar nicht mehr sagen,
wie wir bezahlt haben
und wo wir getankt haben.
Das entzieht sich alles meiner Erinnerung.

Ich weiß nur, dass irgendwann uns natürlich klar wurde,
wenn wir also in Danzig ankommen,
wird es so gut wie Mitternacht sein.

Und wir fragten uns dann auch irgendwie,
was wollen wir eigentlich in Danzig um Mitternacht?

Wir stellten dann tatsächlich kurz vor 12 Uhr
in der City den Trabant ab
und schauten,
was es da noch gibt.

Dann fanden wir in einem Backsteingebäude
eine polnische Diskothek,
in die wir reingingen.

Wir waren fasziniert darüber,
dass das Bier nur umgerechnet eine Mark kostete.

Wir waren da andere Bierpreise gewöhnt
von Berlin zum damaligen Zeitpunkt schon.

Und es erinnerte uns auch
an unsere alte Ostvergangenheit,
weil die Stimmung war so,
wie wir die Diskotheken in Ostberlin
aus den 80er Jahren kannten.

Wir hatten aber immer noch keine Bleibe.
Wir kannten ja wirklich niemanden in Danzig.

Und der Schaurigschöne war aber jemand,
der keinerlei Hemmungen hatte.

Und in kürzester Zeit
hatte er auf Englisch ein paar Leute angequatscht.

Und siehe da, es fand sich dann auch ein polnischer Mann bereit
in unserem Alter,
dass wir bei ihm schlafen könnten.

Er hat uns dann, als wir dann zu ihm gegangen sind,
Luftmatratzen aufgeblasen
und dann haben wir da übernachtet.

Danzig war, und das habe ich dann am Tag darauf festgestellt,
wirklich eine alte deutsche Hansestadt.

Und die Wohnungen waren auch schön gemacht.

Der junge Mann, bei dem wir übernachtet hatten,
der hatte also auch Parkettfußboden.

Das war alles herrschaftlicher,
als ich es aus Ostberlin kannte.

Und die Wohnungen waren also wirklich besser erhalten
und besser saniert.

Soweit ich mich erinnere,
waren diese polnischen Danziger Wohnungen
noch zu Ostzeiten renoviert worden
und keine Renovierung nach der polnischen Wende.

Naja, wir haben dann dort übernachtet,
haben am nächsten Tag uns ein bisschen Danzig angeschaut,
eine Pizza irgendwo gegessen
und dann war auch schon die Rückreise wieder angesagt,
wobei wir über die Küste zurückgefahren sind,
also immer an der Ostsee entlang,
um dann bei Stettin Richtung Berlin abzubiegen.

Und wir haben im Prinzip wirklich
dieses alte Junkerland gesehen,
wo im Ersten und Zweiten Weltkrieg
die ganzen Offiziere herkamen,
das waren ja viele aus Ostpreußen,
alter ostpreußischer Adel,
und wir haben da die alten Herrenhäuser gesehen,
die da teilweise zerfallen standen.

Und da haben wir auch so ein bisschen
deutsche Geschichte begriffen,
obwohl das natürlich zum jetzigen Zeitpunkt
polnisch besiedelt ist.

Für mich war interessant,
dass wirklich Danzig
eine sehr schön erhaltene Hansestadt ist,
so wie ich es nicht vermutet hatte.

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