Sehen

Erinnerungen an das Lernen

Sandro Mohn

Ich war kein schlechter Schüler,
sondern im Gegenteil einer der Besten.

Von den Jungs war ich immer der Klassenbeste.
Meistens gab es ein oder zwei oder drei Mädchen,
die im Klassendurchschnitt vor mir lagen,
aber alle wussten immer:
Das ist nur auswendig gelernt,
während ich die Dinge begriffen hatte –
ohne jetzt anmaßend zu klingen.

Bei mir war es so: Ich konnte ohne zu lernen
in eine Klassenarbeit gehen
und wusste,
ich schreibe eine Eins oder eine Zwei,
während mein Klassenkamerad immer stöhnte,
weil er gelernt hatte
und eine Vier oder eine Fünf bekam.

Aber das wirklich Komische ist,
dass man in Berlin cool war,
wenn man eine Vier oder Fünf schrieb,
während man schief angesehen wurde
bei einer Eins oder einer Zwei.

Das heißt, ich war potenziell ein zu mobbender Mensch.

Aber, und das ist das große Aber,
ich war immer gut in Sport.

Wenn du Klassenstreber bist,
aber gut in Sport,
hast du eine Ausnahmesituation.

Wenn du Klassenstreber bist
und dick und fett,
dann wirst du gemobbt –
aber ich war ja sportlich.

Das war übrigens nur ein Berliner Problem.

Ein Bekannter, der in Rostock groß geworden ist,
sagte,
dass es dort umgekehrt war.

Da wurde man schief angesehen,
wenn man eine Fünf geschrieben hat.

Erst als er nach Berlin kam,
änderte sich das alles,
und er wunderte sich,
dass es hier genau umgekehrt ist.

Ich glaube, das ist auch heute noch so der Fall,
dass man dafür bestraft wird,
wenn man sich als Schüler
für den Lehrplan interessiert.

Ich glaube, es ist immer noch cool,
wenn man sitzen bleibt
oder es wenigstens gerade mal so schafft.

Ich weiß nicht, woher diese Verweigerung von Wissen kommt.

Oder ob es vielleicht daran liegt,
dass die Kinder und Schüler das Gefühl haben,
zu sehr indoktriniert zu werden,
und deshalb jegliche Wissensaufnahme verweigern.

Ich kann es nicht sagen.

Vielleicht täusche ich mich auch,
aber nicht alles,
was in der Schule einem beigebracht wird,
ist ja per se Blödsinn.

Obwohl es viel ideologischen Kram gibt,
und ich glaube,
er ist heutzutage genauso groß
wie damals zu DDR-Zeiten –
nur dass es versteckter und subtiler abläuft.

Denn Schule hat nicht nur etwas
mit Wissensvermittlung zu tun,
sondern auch mit Erziehung.

Und man soll immer so erzogen werden,
wie die Reichen und Mächtigen es sich wünschen.

Zu freien Persönlichkeiten wird man
in keinem Schulsystem erzogen.

Da kann man mir erzählen,
was man will.

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