Sehen

Erinnerungen an das Liegen in der Badewanne

Sandro Mohn

Solange ich lebe,
liebe ich es,
in der Badewanne zu liegen
und mich meinen Gedanken hinzugeben.

Das fing schon als kleines Kind so an
und es war damals Usus in meiner Familie,
dass ich Sonnabendabend badete,
grundsätzlich nach dem Abendbrot.

Und ich lag dann in der Badewanne,
der Elektroofen hatte genau so viel heißes Wasser,
dass ich eine Badewanne voll bekam
und ich brauchte es immer schön heiß.

Und dann lag ich eine halbe Stunde,
manchmal vielleicht sogar eine Stunde drin
und habe gedöst
und mich meinen Fantasien hingegeben.

Später war es dann so,
dass ich danach mich anzog,
zu meiner Großmutter ging
und dann mir einen Film bei ihr anschaute.

Als ich dann später einen eigenen Fernseher hatte,
konnte ich das auch
in meinem eigenen Zimmer machen.

Als ich dann meine erste eigene Wohnung hatte,
genoss ich es,
als ich entlassen worden war
und das war für mich eine Vorstellung,
die ich schon in den Wochen vor der Entlassung hatte,
dass ich als Allererstes
die Badewanne vollmachen würde,
sie mit Badeschaum fülle
und den Armeeschmutz sozusagen
von mir abwasche.

Es war ein Ritual, das ich in dieser Badewanne durchführte
und ich genoss diesen Augenblick,
es war August,
aus dem Badezimmerfenster zu schauen,
in den blauen Himmel hinein
und zu wissen,
dass man diese beschissene Armeezeit
endlich hinter sich hatte.

Wobei mir bewusst wurde,
dass ich fast drei Jahre dort verbracht hatte
und in meinem damaligen Leben
waren drei Jahre eine ungeheuer lange Zeit.

Ich war ja erst gerade 22 Jahre alt geworden
und mir war klar,
dass ich die beste Zeit meines Lebens
bei der Armee verbracht hatte.

Später habe ich oft in der Badewanne gelegen,
wenn ich unzufrieden oder nervös war
und ich wusste,
dass ich mich beruhigen muss,
weil ich kreativ sein muss,
weil ich einen Text schreiben muss
oder in einer anderen Art und Weise
mich wieder sammeln muss
und dann hat mir eine Badewanne,
eine warme Badewanne
immer geholfen,
zur Ruhe zu kommen,
die schlechten Gedanken abzustreifen
und mich auf das zu konzentrieren,
was vor mir liegt.

In den letzten Jahren
habe ich viel weniger die Badewanne benutzt,
was irgendwo schade ist,
weil ich nach wie vor gerne in die Badewanne gehe,
aber es hat sich einfach nicht ergeben,
so komisch wie das klingen mag.

Aber es gibt heute andere Möglichkeiten,
die Sauna
oder man geht ins Vabali,
ein gehobenes Spa,
oder ich gehe auch gerne schwimmen
in die Schwimmhalle,
so dass die Badewanne
ein bisschen von ihrem Wellness-Nummer-Eins-Faktor
verloren hat.

Aber trotzdem bleibt sie mir
als Mittel der Wahl,
wenn ich mal nicht weiter weiß
und ich irgendwie
auf andere Gedanken kommen muss.

Die Badewanne hat mich noch nie enttäuscht.

Zugriffe gesamt: 19