Sehen
Erinnerungen an das morgendliche Aufstehen
In meiner Kindheit gehörte auch ich zu der Fraktion abends nicht rein und morgens nicht raus.
Bestimmt wird das einigen so gehen bzw. an den eigenen Kindern erleben,
dass das Zu-Bett-Gehen genauso eine Katastrophe ist
wie dann das morgendliche Aus-dem-Bett-Holen.
Es gibt bei mir sogar eine Karikatur,
die meine Schwester gezeichnet hatte,
von mir,
wie ich in den Filzlatschen meines Vaters stehe
und rumheule
und keine Lust habe,
ins Bett zu gehen.
Das morgendliche Aufwachen war ganz am Anfang meines Lebens so,
dass es mir Schmerzen bereitete,
aber in den Augen,
weil das Licht,
was durch meine Augenlider drang,
fast schmerzte
und ich mich erst langsam daran gewöhnte,
dass es hell ist.
Heute ist das nicht mehr der Fall
und ich glaube,
das war auch nur in den ersten Jahren meines Lebens so.
Später weiß ich, dass mein Vater mich weckte,
indem er ins Zimmer hereinkam,
die Vorhänge zur Seite riss,
„Guten Morgen, aufstehen!",
rief er mit einem fröhlich-dränglichen Ausdruck,
„Zack zack, die Waldfee!"
oder „Keine Müdigkeit vorgeschützt!"
und das war immer zehn Minuten vor sieben Uhr,
damit ich mich dann ins Bad zum Waschen trollte.
Er kam meist zu diesem Augenblick vom Bäcker zurück
und hatte dann die Frühstücksbrötchen schon geholt.
Wenn ich dann am Frühstückstisch saß,
war mein Vater schon längst mit Frühstück fertig,
sodass ich alleine frühstückte.
Das Aufstehen bei der Armee war wiederum von grundsätzlich anderer Art.
Eine schreckliche Sirene ertönte um sechs Uhr
und riss einen aus dem Schlaf
und machte einem klar
aufstehen
und dann frühstücken gehen.
Auf der Unteroffiziersschule war es noch etwas anders,
da gab es keine Sirene,
da rief der Wachhabende,
dass man aufzustehen habe,
klatschte in die Hände
und riss die Türen auf
und manchmal sogar weckte er einen vorher,
weil es Winter war
und dann mussten wir uns anziehen,
runtergehen
und die Straße freischaufeln,
weil es gerade geschneit hatte
und eine verschneite Straße war bei der Armee undenkbar.
Jedenfalls auf der Unteroffiziersschule.
Nach der Armee und dann nach der Wiedervereinigung
war das Aufstehen wieder komplett anders.
In meiner eigenen Wohnung konnte ich dann,
da ich teilweise in Schichten gearbeitet hatte,
später aufstehen,
weil ich auch natürlich später zu Bett ging
und in der jetzigen Wohnung ist das Aufstehen fast schon eine Leichtigkeit,
weil ich von zwei Seiten Licht bekomme
und noch nie so sanft von Licht geweckt worden bin.
Vielleicht ist es auch das Alter,
ich habe da keine direkten Vergleiche,
aber es ist für mich schon interessant,
dass ein Zimmer,
wenn es anders ist,
einem auch anders die Möglichkeit gibt aufzuwachen.
Manchmal leichter, manchmal schwerer.
Aber ich glaube, jeder wird sicherlich seine eigenen Erfahrungen gemacht haben.