Sehen

Erinnerungen an das Tacheles

Sandro Mohn

Das Tacheles war eindrucksvoll.
Eigentlich ein Kino,
und das Kino war eigentlich ein Kaufhaus.

Wir müssen ein bisschen
in der Geschichte zurückgehen,
und zwar vor den Weltkrieg.

Das Gebäude, in dem sich später ein Kino befand,
war eigentlich ein Kaufhaus.

Es gab in Berlin mehrere Kaufhäuser
vor dem Krieg,
die danach nie wieder als solches genutzt wurden
beziehungsweise völlig anders aussahen.

Wenn man sich zum Beispiel Neukölln anschaut,
am Hermannplatz –
das Kaufhaus dort sah auch viel,
viel schöner und herrschaftlicher aus.

Aber wie gesagt, das Kaufhaus in der Oranienburger Straße
war völlig zerbombt,
und nach dem Krieg zog dort das Kino Camera ein.

In dem habe ich auch meinen ersten Kinofilm gesehen,
jedenfalls den,
an den ich mich erinnern kann.

Es war ein Film mit Louis de Funès.

Witzigerweise habe ich erst viel später realisiert,
dass es genau der Film war,
den meine Schwester mir eines Tages verbieten wollte zu sehen.

Nachdem das Haus aber so baufällig geworden war,
wurde das Kino Camera geschlossen,
und das Kinoprogramm zog in das Kino Babylon um.

Das Kino Babylon beherbergte dann quasi zwei Kinos,
obwohl es eigentlich ein Kino war –
aber es hatte sozusagen die Tradition
des Kino Camera übernommen.

Nach der Wende wurde das Haus,
das ja mehr oder weniger nur noch eine Ruine war,
von Künstlern in Beschlag genommen,
und dort wurde das Kunsthaus Tacheles installiert.

Künstler aus der gesamten Welt
konnten sich dort Räumlichkeiten einmieten.

Es wurde ein entsprechender Verein gegründet.

In der Wendezeit war so etwas
mehr oder weniger unbürokratisch möglich.

Da kann man mal sehen,
was alles möglich ist
mit einer Bürokratie,
die die Augen zudrückt.

Ich kann mich noch daran erinnern,
weil das Haus ja so baufällig war,
dass das Dach gedeckt werden musste.

Ich war damals Mitglied
in der Stadtverordnetenversammlung
und bekam mit,
dass eine Baustadträtin tatsächlich Gelder
für das Decken des Tacheles bereitstellte.

Worauf die CDU empört reagierte,
wie man das machen könne.

Interessanterweise war es dann später so,
dass das Tacheles so weltbekannt wurde,
dass es ein Publikumsmagnet
für Berlin-Touristen war.

Und plötzlich schlug sich die CDU auf die Brust
und freute sich,
dass Berlin dieses Wahrzeichen hat.

Woran man mal sehen kann,
wie schnell die Politik ihre Fahne in den Wind hängt,
wenn es denn opportun erscheint.

Und wiederum ein paar Jahre später –
aber mehrere Jahrzehnte später –
wurde das ganze Haus dann
an eine Investorengruppe verkauft.

Es ist durch und durch kommerzialisiert
und in ein Neubaugebiet
mehr oder weniger integriert.

Vom Geist der ersten Tage
ist nichts mehr erhalten.

Aber das ist der Lauf der Zeit.

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