Sehen

Erinnerungen an das vergangene Lebensgefühl

Sandro Mohn

Wenn ich das Lebensgefühl vergleichen sollte
zwischen dem Osten in der DDR damals
und dem Westen heute,
dann muss man wahrscheinlich
zwei verschiedene Achsen machen.

Und zwar zum einen überhaupt einmal
das Leben vergleichen zwischen damals und heute,
denn auch in der alten Bundesrepublik
wird es sich ganz anders gelebt haben
als heute.

Und dann zum anderen natürlich
das Leben im Sozialismus,
was auch nochmal ganz anders ist
als das Leben heute.

Man wusste, man kann nicht untergehen.
Das war einerseits
ein beruhigendes Gefühl,
dass es eine Existenzangst
in dieser Form nicht gab.

Andererseits war man eingesperrt.
Man konnte bestimmte Dinge oder Ideen,
die man hatte,
nicht einfach umsetzen.
Man wurde ausgebremst.

Man konnte bestimmte Dinge nicht lesen,
man konnte bestimmte Filme nicht sehen,
man konnte nicht zu bestimmten Rockbands
ins Konzert gehen.

Das war auf der anderen Seite
etwas extrem Frustrierendes.

Man hatte einen Minderwertigkeitskomplex
westdeutschen Personen gegenüber.
Man empfand sich tatsächlich irgendwo
als geringerwertig,
weil man an einem bestimmten Punkt
gespürt hat,
dass dort eine Art Selbstbewusstsein existiert,
das man selbst nicht hat.

Oder man ist zwar selbstbewusst,
aber man ist an bestimmten Punkten
einfach limitiert
und verfügt nicht über die Fähigkeiten,
die ein Westdeutscher hatte.

Oder jedenfalls hat man sich dies eingebildet.

Und das ist sozusagen
die negative Seite
des Lebens im Osten.

Dann ist natürlich auch der Unterschied
zwischen damals und heute
nicht zu vernachlässigen.

So etwas wie soziale Medien gab es überhaupt nicht.


Smartphones gab es überhaupt nicht. Aber die gab es auch im Westen nicht
zu der damaligen Zeit.

Und das sind ja Dinge,
die das Leben doch sehr stark beeinflussen.

Mit einem Handy bin ich jederzeit erreichbar,
also auch im negativen Fall,
wenn man zu Hause ist
und eigentlich seinem Privatleben frönen will und man plötzlich vom Chef eine SMS bekommt
oder einen Anruf,
dass man doch gefälligst dieses oder jenes
am Wochenende zu erledigen hat.

Das gab es damals nicht.
Da war die Trennung zwischen Arbeit und Privaten
viel, viel strikter.

Man hat um 17 Uhr sein Büro verlassen
und dann war dieser Punkt erledigt.

Natürlich gab es im Osten dann noch solche Sachen wie,
dass man mit der Brigade,
einen Ausflug ins Theater oder sonst wohin macht,
um das Kollektivgefühl zu stärken.

Aber das ist wieder
eine komplett andere Angelegenheit.

Das hatte ja nichts mit Arbeit
im wirklichen Sinne zu tun,
obwohl man die Kollegen dann auch
außerhalb der Arbeit gesehen hat.

Im Nachhinein weiß ich gar nicht,
ob das gut oder schlecht war.

Wahrscheinlich hat es damals genervt,
weil es immer mit einem gewissen Zwang
verbunden war.

Und man hätte es wahrscheinlich
viel mehr genießen können,
wenn es halt eben nicht so
von einem gefordert worden wäre.

Aber so ist das immer.
Man vermisst das,
was man gerade nicht hat.

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