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Erinnerungen an den Alexanderplatz

Sandro Mohn

Der Alexanderplatz war von meinem Zuhause ungefähr ein Kilometer entfernt.
Man hat es nie wirklich ausgemessen.
Es gab damals auch noch kein Google Maps,
woran man das hätte bestimmen können.
Es war einfach so.

Es wurde gesagt, von zu Hause oder von der Schule,
die ja nicht viel weiter war,
bis zum Alexanderplatz ein Kilometer.
Ich bin diese Strecke oft gelaufen,
auch in dem Bewusstsein,
dass dies ein Kilometer ist.

Und der Alexanderplatz ist für mich ein zentraler Platz,
obwohl es nicht wirklich ein Lebensmittelpunkt war.
Es gibt ja viele Jugendliche oder andere Leute,
die sehr viel auf dem Alexanderplatz bewusst verbracht haben.

Es gibt ja auch dieses Buch,
das in den 20er Jahren spielt,
Berlin Alexanderplatz.
Und das war es nie.

Es war für mich ein Platz,
den ich betrat,
aber meist,
um entweder ins Centrum Warenhaus zu gehen,
um irgendwas dort einzukaufen
oder anderweitig dort etwas zu tun.

Es war für mich aber nie wirklich ein Platz der Muße
oder des Abhängens
oder des Treffens mit Freunden,
obwohl die Weltzeituhr ein Treffpunkt gewesen ist,
den man oft genutzt hat,
wenn man sich da in der Gegend mit jemandem treffen wollte.

Das ist so ein 0815-Treffpunkt,
den wahrscheinlich jeder Berliner schon einmal genutzt hat.

Der Alexanderplatz hat sich aber interessanterweise
über die Jahre extrem verändert.

So ist zum Beispiel der Alexanderplatz zu Ostzeiten
komplett unterkellert gewesen,
sodass man die Straßenseite wechseln konnte,
ohne oben über die Straße gehen zu müssen,
sondern man hat einfach das Tunnelsystem genutzt
und man konnte sehr, sehr weit,
sehr, sehr weite Strecken
unter der Erde zurücklegen
und ganze Kreuzungen überqueren,
was sehr praktisch gewesen ist.

Irgendwann Ende der 90er,
Anfang der 2000er
hat man diese Tunnelsysteme aber komplett abgeschafft
und zugeschüttet.

Eines Tages war es so,
dass ich merkte,
dass ich gar nicht mehr den Tunnel benutzen kann.
Und da habe ich dann registriert,
dass das einfach weggemacht wurde.

Warum man das gemacht hat,
ist mir völlig unklar.
Vielleicht,
weil sich Leute darüber beschwert haben,
dass sie nicht sauber waren
oder keine Ahnung.

Jedenfalls war es eine wunderbare Möglichkeit,
über die Straßen zu kommen,
die doch sehr befahren waren an diesen Stellen.
Und ich hätte es gelassen.

Insgesamt finde ich aber den Alexanderplatz
als einen der hässlichsten Plätze
in einer Hauptstadt.

Ich habe mir andere Plätze angeschaut
und ich muss sagen,
dass der Alexanderplatz sehr hässlich,
dreckig und verkommen ist.

Und alles andere als einer Hauptstadt würdig
für einen zentralen Platz.

Nun gut, Berlin hat nie den einen zentralen Platz gehabt.

Aber wenn man ihn vergleicht mit Wien,
selbst Leipzig hat schönere Plätze im Zentrum,
oder New York,
den Times Square,
dann ist der Alexanderplatz einfach nur hässlich,
traurig und erbärmlich.

Ich weiß nicht, ob es anderen so geht,
aber jedenfalls ist das meine Empfindung.

Und irgendwo schäme ich mich immer ein bisschen dafür,
wenn ich über ihn laufe.

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