Sehen

Erinnerungen an den Eismann

Sandro Mohn

In unserer Straße gab es auch
einen Eismann. Aber keinen im
herkömmlichen Sinne, wo man sitzt
und Eis mit Schokoladensauce isst.
Nein, der verkaufte Eisblöcke für
Kühlschränke. Man muss sich das
mal vorstellen: In den 70er Jahren,
in Berlin, da gab es noch
Haushalte mit Kühlschränken, die gar
nicht elektrisch liefen.

Frauen waren das meistens, die dann
zweimal die Woche zu diesem Eismann
gingen. Der hatte seine Eismaschine
in so einem Schuppen, auf einem
Lagerplatz in der Straße.

Dienstag und Donnerstag standen sie dann
und warteten geduldig, bis er die Tür
aufmachte. Dann kamen sie nacheinander zum
ihm hin. Er zog riesig lange Eisblöcke
aus seiner Kühlmaschine mit einer Eisenkralle
und zerhackte die Blöcke in kleinere Stücke.

Für zwanzig Pfennig der Eisblock ging
er dann über den Tresen, wanderte in das
Einkaufsnetz der Kundinnen und diese trugen ihn
nach Hause. In den Kühlschrank damit, Lebensmittel kühlen.

Was im Römischen Reich eine Sensation gewesen wäre
– hier war es rückständigster Alltag. Aber funktioniert hat es wohl.
Bis in die 70er Jahre gab es das noch,
wie gesagt.

Wir Kinder haben uns dann immer etwas von
den abgesplitterten Stücken geben lassen. Zum Lutschen.
Merkwürdig war das schon. Da standen etwa zwanzig Frauen,
warteten auf Eis. Irgendwann war es vorbei.

Die meisten dieser Frauen waren wohl gestorben.
Oder die Kinder und Enkel hatten ihnen endlich
einen richtigen Kühlschrank geschenkt.

Für mich blieb das etwas, worüber ich lange nachgedacht habe.
Diese primitive Technik. Dass das funktionierte.

Meine Großmutter hatte bis in die 80er überhaupt keinen Kühlschrank.
Wie die ihre Sachen gekühlt hat – keine Ahnung.

In der Küche hatte sie so ein kleines Speiseregal,
für Sachen, die nicht verderben. Aber Butter?
Im Winter vielleicht aufs Fensterbrett, wenn es kalt war.
Im Sommer? Weiß ich nicht.

Geschafft hat sie es jedenfalls irgendwie. Ich war ja regelmäßig bei ihr,
nach der Schule, zum Essen.
Aber wie sie das hingekriegt hat – daran kann ich mich
beim besten Willen nicht erinnern.

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