Sehen
Erinnerungen an den Momme
Ein zentraler Park
in meiner näheren Umgebung
war der Monbijoupark.
Ein kleines Gebiet an der Spree.
Mon Bijou heißt „mein Kleinod".
Als Kind wusste ich nicht,
dass dort einmal tatsächlich
ein Kleinod gestanden hat.
Ein Schloss, das wunderschön gewesen ist.
Leider im Krieg zerbombt.
Nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut,
sondern daraus wurde ein Park gemacht.
Mit einem kleinen Schwimmbad
für Kinder in der Mitte.
Dort sind wir schon
als Kindergartenkinder hingegangen,
im Sommer,
wenn es heiß war.
Zum Baden.
Ich war auch mit meinen Schwestern dort,
die mich gerne ins Wasser geschubst
und geneckt haben.
Was mir allerdings einmal
eine Ohrenentzündung einbrachte.
Die war wirklich sehr schmerzhaft.
Ansonsten lagen wir als Kinder gerne
auf den Flächen neben dem Bassin,
schwatzten und diskutierten
und ließen uns die Sonne
auf den Rücken scheinen.
Der Park, der in unserem Sprachgebrauch nur
„der Momme" hieß,
hat mich bis in die heutige Zeit begleitet.
In den 90er Jahren hat man angefangen,
dort im Sommer
ein Sommertheater einzurichten.
Ich habe es mir nicht nehmen lassen,
es zu einer guten Tradition werden zu lassen:
immer an meinem Geburtstag
zu einem Theaterstück zu gehen,
das dort aufgeführt wurde.
Von, ich sag jetzt mal,
dreißig Sommern
war ich mindestens zwanzigmal dort.
An den anderen Geburtstagen
war ich vielleicht verreist
oder ganz woanders.
Wie auch immer, tragisch finde ich,
dass der Park nicht mehr das ist,
was er mal war,
wenn ich mir die alten Fotografien anschaue.
Es gibt auch eine unangenehme Erinnerung
an den Momme.
Das war auf der Rasenfläche
vor dem Schwimmbad,
wo wir Kinder unsere Decken ausbreiteten.
Ich hatte mich dort ausgezogen,
Badehose an,
hatte auch keine großartigen Wertsachen dabei
und bin dann schwimmen gegangen.
Als ich wiederkam, waren meine Sachen durchwühlt
und mein Schlüsselbund fehlte.
Das war sehr merkwürdig,
weil ich keinen Ausweis dabei hatte.
Ich war ja noch zwölf Jahre alt,
da hat man noch keinen Ausweis.
Ich fragte mich, wer diesen Schlüssel geklaut hat.
Mein Vater hat noch am selben Tag
ein neues Schloss eingebaut.
Damit niemand in die Wohnung konnte.
Ich habe lange überlegt,
wer sich den Schlüssel warum gegriffen hat.
Manchmal habe ich sogar überlegt,
ob ich es selber war.
Eine abstruse Fantasie.
Die Idee, dass ich als Zeitreisender zurückgereist bin.
Um den Schlüssel an mich zu nehmen
und mir Zugang zur eigenen Wohnung zu verschaffen.
Obwohl ich ja als Zeitreisender eigentlich wissen müsste,
dass das Schloss innerhalb kurzer Zeit ausgetauscht wurde.
Aber das sind die Ideen,
auf die man als Kind kommt,
wenn man keine Erklärung hat.
Ansonsten ist der Momme nach wie vor
für mich ein angenehmer Ort.
Wenn ich ins Theater gehe,
sehe ich manchmal die Leute,
die davor Tango tanzen.
Es gibt neben dem Theater
eine Fläche,
wo die Leute zu schöner Musik tanzen.
Ein friedlicher Ort.
Und ich hoffe, dass er friedlich bleibt.
Einmal zerbombt reicht völlig aus.