Sehen

Erinnerungen an den mühseligen Kauf von Schallplatten

Sandro Mohn

Im Osten an Musik zu kommen,
war ein massives Problem.

Manche Bands gab es nur als Lizenzausgabe
und auch nur vereinzelt,
manchmal als ein Best Of,
manchmal auch als komplettes Album.

Eine Band hatte selten mehr als zwei Platten.
Da gab es einmal ABBA,
das war eine Ausnahme.

Selbst bei den Beatles weiß ich nicht,
ob es da mehrere Schallplatten gab.

Und wenn es eine Lizenzplatte gab,
war es auch eine Kunst,
die im Laden zu ergattern.

Es gab dann noch die Möglichkeit,
nach Ungarn zu kommen.
Dort konnte man Platten kaufen.

Dort war das volle Warenangebot vorhanden,
der sogenannte Gulaschkommunismus.

Aber als Ostdeutscher hatte man Probleme,
genügend Ostgeld in Forint umzutauschen.

Da gab es dann bestimmte Tricks,
die man machen konnte.

Also es gab irgendwie Umtauschscheine,
die dann abgestempelt wurden,
und die schmuggelte man dann nach Ungarn,
um dann mehr als einmal Geld umtauschen zu können.

Forint war quasi schon eine halbe Westwährung,
weil sie halt nur limitiert zu erwerben war.

Dann hat man sich dort
mit Jeans und Platten eingedeckt.

Ich kenne dann Leute,
die die Platten auf Tonband kopiert haben,
um dann die Platten gegen andere Platten zu tauschen,
sodass richtige Plattenringe entstanden sind.

Und auf die Art und Weise
hat man sein Musikarchiv erweitert,
für überschaubares Geld.

Denn die Platten, die man in Ungarn zum Beispiel kaufte,
oder die man im Osten auf dem Schwarzmarkt kaufte,
kosteten umgerechnet 100 Mark –
wahnsinnig viel Geld,
wenn man überlegt,
dass man im Osten durchschnittlich 700, 800 Mark
im Monat verdiente.

Dann gab es natürlich noch die Möglichkeit,
die Radiomusik im Kassettenrecorder mitzuschneiden.

Dort hat man allerdings geflucht,
wenn der Moderator auf den Titel gequatscht hatte
und die gesamte Aufnahme versaut hatte.

Oder wenn er einen Titel gespielt hat
und nicht angesagt hat,
wie die Band oder der Titel hieß.

Das war dann immer ein Drama,
weil man dann entweder zu spät aufgenommen hat,
oder man hatte einen Titel
und man wusste nicht,
von wem der war
beziehungsweise von welcher Platte
oder wie der Titel hieß.

Und dann gab es noch eine andere Möglichkeit,
an gute Musik zu kommen,
die aber die wenigsten wussten.

Und zwar gab es ja auch Lizenzplatten
von westlicher Musik
in anderen Ländern aus dem Ostblock,
wie Polen,
die Tschechoslowakei,
Bulgarien,
Ungarn.

Es gab in Berlin Läden,
wo Waren aus den entsprechenden Ländern
verkauft wurden.

Es gab einen tschechischen Laden,
einen ungarischen Laden,
einen polnischen Laden,
einen bulgarischen Laden.

Und dort gab es auch Schallplatten zu kaufen.

Ich habe dort die eine oder andere Platte
westlicher Bands kaufen können,
ohne dass dies großartig bekannt war
und die Leute angestanden haben.

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