Sehen
Erinnerungen an den Schaurig-Schönen
Es gibt eine Person
in meinem Leben,
die ich nur den
Schaurig-Schönen nenne.
Eine äußerst schillernde Person,
die sehr intelligent,
aber auch sehr skrupellos
und selbstzerstörerisch war.
Daran, dass ich „war" sagte,
merkt man schon,
dass er nicht mehr lebt.
Aber das ist etwas,
zu dem ich später komme.
Der Schaurig-Schöne war
der Bruder einer Klassenkameradin
und ging in meiner Schule
zwei Klassen unter mir.
Als ich von der Armee
wieder zurück in Berlin war,
lief er mir vor einem Café
über den Weg,
und wir verabredeten uns,
uns öfter mal zu treffen
und zu schwatzen.
Der Schaurig-Schöne hatte
eine sehr schöne Altbauwohnung
in der damaligen Wilhelm-Pieck-Straße,
die dann später in Torstraße
umbenannt wurde.
Er war dort ein zentraler Treff
für eine interessante Gruppe an Menschen,
die zusammenkamen
und diskutierten
und gemeinsam musizierten
und andere hochinteressante Partys feierten.
Gleichzeitig war er
ein immenser Partysprenger.
Man konnte mit ihm auf eine fremde Party gehen,
und er hat es geschafft,
die sozialen Normen dort
komplett zu sprengen.
Er war ohne irgendwelche Hemmungen.
Ich habe Geschichten wirklich
mit ihm erlebt,
und das ist nicht gelogen,
dass er in Bars Frauen
zwischen die Beine griff –
und jeder andere hätte
eine Ohrfeige kassiert,
aber er nicht.
Er bekam ein Gekicher
als Antwort zurück,
und man fragte sich:
Wie macht er das?
Dazu muss man wissen,
dass sein Gesicht entstellt war.
Eine riesige Narbe,
die seine gesamte rechte Gesichtshälfte
einnahm.
Aber gleichzeitig verfügte er
über fast hypnotische braune Augen
und war mit seinen 1,95 Metern
eine große, imposante Erscheinung.
Er war sehr talentiert.
Er spielte Cello und auch andere Tasteninstrumente.
Ich kann mich noch daran erinnern,
dass er ein Spinett
in seiner Wohnung hatte,
auf dem er dann manchmal
auf Partys spielte
und die Frauen begeisterte.
Ich kann mich daran erinnern,
dass er äußerst faul war.
Er hat es geschafft,
ein halbes Jahr lang
bei einer Versicherung zu arbeiten
und in dieser gesamten Zeit
nicht mehr als ein oder zwei Vertragsabschlüsse
vorzuweisen.
Wie er das geschafft hat,
ist mir ein Rätsel.
Ich glaube, nach einem halben Jahr
hat sich dann die Versicherung
von ihm getrennt.
Er fing an, auf die evangelische Hochschule zu gehen,
wo man zum Priester ausgebildet wird.
Ich glaube, er hat es dort immerhin
drei Jahre ausgehalten,
bevor er auch dieses Studium
abgebrochen hat,
nachdem klar war,
dass er wahrscheinlich nie
als Priester arbeiten wird.
Dann hat er irgendwann
seine Wohnung aufgegeben –
ich glaube,
er war wahrscheinlich pleite –,
lebte dann eine Zeit lang
als Obdachloser
und hat sich irgendwann
nach Westdeutschland verabschiedet.
Er kam aber immer wieder
auch nach Berlin.
Es war manchmal tragisch,
ihn dann schlafend
vor irgendeiner Kneipe
im Sessel zu sehen,
das Bier vor ihm
auf dem Tisch.
Manchmal kam er auch
in die Kneipe,
in der ich hinter dem Tresen arbeitete,
um ein Bier,
das er natürlich nicht bezahlen konnte.
Ich habe es ihm auch gegeben,
aber man merkte irgendwie,
dass er sehr stark abgebaut hatte.
Dann kam ein Moment,
wo man dachte,
er hat sich ein bisschen gefangen.
Er hat versucht, eine kleine Karriere
als Cello-Musiker aufzubauen.
Er hatte mir auch eine CD geschenkt
mit eigenen Stücken drauf,
die doch sehr interessant waren,
sehr experimentell,
aber nicht uninteressant.
Und dann kam irgendwann
ein Anruf von seiner Schwester.
Ich wusste in diesem Augenblick,
als sich Schwester am Telefon meldete,
dass er tot ist.
Und wie zur Bestätigung
sagte sie dann:
Ja, der Schaurig-Schöne ist verstorben,
bei einem Verkehrsunfall,
bei dem nicht ganz klar ist,
ob das unabsichtlich war
oder ob er einfach keine Lust mehr hatte
und in den Tod hineingesteuert ist.
Ich weiß nur, dass bei der Beerdigung
sehr, sehr viele Menschen anwesend waren,
um die hundert.
Er hatte ja einen großen Bekanntenkreis.
Auch die ehemaligen Freundinnen waren anwesend,
die auch nicht eifersüchtig beieinanderstanden.
Das ist sehr spannend.
Oftmals ist es ja so,
dass die Damen sich um einen prügeln,
aber das war gar nicht der Fall.
Er war ein Stern, der verglühte,
bevor er eigentlich erblühen konnte.
Ich frage mich manchmal,
was aus ihm geworden wäre
oder wie er die Zeit sehen würde,
wenn er noch am Leben wäre.
Ich muss auch sagen,
dass er mir irgendwo fehlt.
Er war durchgeknallt,
aber er war nicht hinterfotzig.
Jedenfalls habe ich ihn
so nie erlebt.