Sehen
Erinnerungen an den Sternenhimmel
Mit dem Interesse für Science-Fiction-Literatur
und utopische Romane,
wie es im Osten hieß,
kam auch das Interesse an den Sternen.
In Berlin war es so,
dass man nachts ab und zu
ein paar Sterne sehen konnte.
Ich hatte bei meinem Vater entdeckt,
dass er einen Operngucker besaß,
und ihn mir dann geben lassen.
Mit diesem habe ich dann
ein paar Sterne mir näher angeschaut.
Allein, so viel hat man nicht gesehen,
außer dass sie dann
etwas heller leuchteten.
Mein Vater hat mir daraufhin
zu meiner Jugendweihe
ein kleines Teleskop geschenkt,
das heißt eigentlich kein Teleskop,
sondern ein Fernrohr.
Aber auch das war eigentlich nicht mehr
als ein besserer Feldstecher
von der Auflösung her
und nicht wirklich zur astronomischen Beobachtung taugend.
Allerdings habe ich es bis heute,
und es liegt in irgendeinem meiner Schränke,
wo die Sachen verstaut sind,
die man als Kind besaß.
Viel, viel später habe ich begriffen,
dass der Berliner Sternenhimmel –
oder auch der in anderen Städten –
eigentlich gar nicht mehr das ist,
was man früher gesehen hat.
Ich war in einem Trainingslager.
Ich spielte zu dieser Zeit Basketball,
ich war Teenager,
es waren die frühen Achtziger.
Ich glaube, das war neunte Klasse.
Ich war in einem kleinen Dorf
im Norden der DDR,
so 150 Kilometer entfernt:
der Ort Gülpe.
Später wurde Gülpe berühmt
als der schwärzeste Ort Deutschlands,
und ich kann das absolut bestätigen.
Es war Oktober, und es war aber sehr warm.
Wir standen abends draußen,
die Sonne ging unter,
wir unterhielten uns,
wir standen um eine Tischtennisplatte herum,
das weiß ich noch.
Man sah die Sterne,
und zum allerersten Mal in meinem Leben
habe ich einen wirklichen Sternenhimmel gesehen.
In Gülpe haben, wie gesagt,
hundert Leute gewohnt,
mehr nicht.
Und in einem sehr großen Umkreis herum
gab es keine größere Stadt,
sodass im Prinzip
keine Lichtverschmutzung auftrat.
Ich habe Tausende von Sternen gesehen,
nicht nur eine Handvoll,
sondern Tausende.
Ich sah plötzlich auch die Milchstraße
zum allerersten Mal in meinem Leben.
In diesem Augenblick habe ich begriffen,
warum die Milchstraße Milchstraße heißt,
weil tatsächlich ein milchiges Band
sich über den Himmel zog.
Ich glaube sogar, am Horizont den Andromedanebel gesehen zu haben.
Ich habe danach nie wieder
diesen Sternenhimmel gesehen,
und er hat sich für mein Leben
in mein inneres Auge eingebrannt.
Ich war sofort fasziniert davon
und so traurig,
dass wir diesen Anblick gar nicht mehr haben,
weil wir so viel elektrisches Licht
um uns herum haben,
dass diese wunderschöne Naturschönheit
vollkommen überstrahlt wird.
Wir sehen, selbst wenn wir schönes Wetter haben,
in Berlin nur eine Handvoll Sterne
oder Planeten am Himmel.
Ich wünsche jedem, dass er einmal diesen Anblick genießen kann.
Es verändert das Leben
und die Sicht auf das Leben.