Sehen

Erinnerungen an den uncoolen Osten

Sandro Mohn

Ich finde es sehr interessant,
wenn ich mir heutige jüngere Generationen anschaue
und ihre Begeisterung für Sozialismus
oder für andere gesellschaftlich propagierte Angelegenheiten,
denn ich kann mich daran erinnern,
dass in meiner Jugendzeit solche Dinge absolut uncool waren.

Man hat sie mitgemacht,
weil man sie mitmachen musste,
aber man war im Endeffekt nicht wirklich davon überzeugt,
dass das, was man macht,
etwas Tolles ist,
was in einem Begeisterung auslöst.

Für einen gewissen kleinen Teil an Jugendlichen
mag das durchaus zugetroffen haben,
aber in ihrer Gesamtheit war es uncool.

Ostmode war uncool,
Ostmusik war uncool.

Auch wenn die Konzerte voll waren,
aber es war aus einem Mangel heraus,
weil man nicht zu den richtigen Bands gehen konnte
und man ja trotzdem ein Rockkonzert erleben wollte.

Also ist man zu Ostbands gegangen.

Aber man hat zu Ostmusik in der Diskothek nicht getanzt.

Also wenn es mal ein Lied geschafft hatte,
dass man dazu tanzte,
dann war das eine Sensation.

Und ich kann mich nur daran erinnern,
dass ich glaube,
„Am Fenster" von City
so ein Titel gewesen ist.

Ansonsten hat man das boykottiert.
Es war einfach uncool.

Tanzen war cool, aber gefälligst zu Nena
oder zu einer anderen Band,
den Rolling Stones
oder Diana Ross
oder sonst wer.

Aber keine Ostmusik.

Der Osten hat kulturell gute Sachen gemacht,
aber sie wurden nicht akzeptiert,
weil sie ideologisch verseucht waren.

Oder man unterstellte,
dass sie ideologisch verseucht sind.

Und die Bands zum Beispiel,
die kritisch waren,
wurden ja dann mehr oder weniger verboten
oder wurden dazu gezwungen,
auseinanderzugehen
oder stellten einen Ausreiseantrag.

Und man hörte nie wieder von ihnen.

Und wenn sie im Westen waren,
hörte man auch nichts mehr von ihnen,
weil sie es dort nicht schafften,
in der dortigen Musikszene nach oben zu kommen.

Bis auf ganz, ganz wenige Ausnahmen,
die sich dann vielleicht als Filmmusiker einen Namen machten.

Aber auch da ist es so,
dass zum Beispiel jemand wie Günter Fischer
ja trotzdem in der DDR lebt,
obwohl er in Amerika Filmmusik erfolgreich gemacht hat.

Nein, Propaganda war nicht cool,
so sehr auch der Osten versuchte,
es cool aussehen zu lassen.

Und so finde ich es interessant,
dass es für eine gewisse Zeit nach der Wende
dieselben linken Leute geschafft haben,
eine gewisse kulturelle Coolness zu erreichen.

Aber ich glaube, dass das im Moment auch wieder bröckelt.

Denn ab einem bestimmten Punkt ist es so,
dass man als Jugendlicher rebelliert.

Man rebelliert gegen das Establishment.

Wenn das Establishment links ist,
dann rebelliert man gegen ein linkes Establishment.

Ist das Establishment rechts,
dann rebelliert man eben dagegen.

Das ist immer so.

Dieser Konflikt Jung gegen Alt
ist immer vorhanden.

Und ich glaube, dass jetzt gerade das linke Establishment
von der Jugend angezweifelt wird.

Noch nicht komplett.

Ich denke, das ist erst ein Prozess,
der sich wandelt.

Also ein Teil ist noch auf diesem Trip
und ein Teil davon hat sich abgewendet.

Und wahrscheinlich wird sich das
in der nächsten Zeit beschleunigen.

Aber das ist etwas,
was man nicht wirklich genau prognostizieren kann,
sondern nur aus der Erfahrung,
die man hat,
einkalkulieren kann.

Aber es kann immer auch ganz anders kommen.

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