Sehen

Erinnerungen an den väterlichen Nachtschrank

Sandro Mohn

Auch ich war als Teenager ein neugieriger Mensch.
Das Schlafzimmer meines Vaters barg gewisse Dinge,
die mich magisch anzogen.

Da war sein Nachttisch neben seinem Bett,
auf dem ein kleiner Schwarzweiß-Reisefernseher stand.

Den hatte mein Vater seinerzeit
für meine kranke Mutter gekauft,
damit sie in der Charité,
als sie dort im Sterben lag,
ein bisschen Abwechslung hätte haben können.

Nachdem sie tot war,
hat er ihn natürlich mit nach Hause genommen
und neben seinem Bett platziert.

Dort konnte er dann abends
noch einen kleinen Film sehen
oder Nachrichten oder sonst was.

Dass wir zwei Fernseher hatten im Osten,
war natürlich schon eine Sensation.

Im Wohnzimmer gab es das reguläre große Gerät,
aber dieser kleine Fernseher
war immer ein magischer Anziehungspunkt.

Ich habe mich gerne davor gesetzt,
um irgendetwas zu gucken,
auch wenn der Bildschirm ganz klein war.

Es hatte immer etwas Verbotenes,
weil es ja das Schlafzimmer meines Vaters
und dann später auch meiner Stiefmutter war.

Irgendwann entdeckte ich natürlich
in diesem Nachtschrank auch andere Dinge,
die mich eigentlich nichts angingen –
wie Kondome.

Und dann, trara, entdeckte ich Bücher mit pornografischem Inhalt.

Und zwar aus dem Rowohlt-Verlag,
die in Schweden spielten
und wo es angeblich um eine Frau ging,
die Orgasmus-Probleme hatte
und dann bei Herrn Dr. Petersen
ihre Orgasmus-Probleme beseitigte.

Was natürlich immer durch erst Petting
und dann später auch durch Geschlechtsverkehr erfolgte.

Der Arzt war sozusagen ein erotischer Therapeut.

Und ich entdeckte noch etwas anderes.
Das waren Prospekte.

Prospekte von Beate Uhse,
die mein Vater aus West-Berlin mitgebracht hatte,
weil er berufsbedingt einmal im Monat
nach West-Berlin durfte.

Ich war fasziniert davon,
was es alles für erotische Spielereien
schon in den Siebziger-
und frühen Achtzigerjahren gab.

Dinge wie Dildos oder Masturbationsgeräte
oder irgendwelche aufblasbaren Gummipuppen
haben doch meine Fantasie sehr befeuert.

Man kann sich vorstellen,
dass ich da öfter am Schmökern war,
wenn ich wusste,
dass mein Vater nicht zu Hause war.

Übrigens gab es vereinzelt auch im Osten
erotische Literatur.

Ich kann mich zum Beispiel daran erinnern,
dass in dem Heft „Magazin"
zu Ostzeiten einmal eine erotische Geschichte
aus einem chinesischen Klassiker abgedruckt war,
und zwar „Der verrückte Taoist".

Im Heft darauf gab es dann
äußerst heftige Leserbriefe,
die empört darüber waren –
oder auch hoch erfreut –,
was das Magazin so alles abgedruckt hat.

Das waren meine ersten literarischen Konfrontationen
mit erotischer Literatur,
und ich habe sie mit hochrotem Kopf genossen.

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