Sehen

Erinnerungen an die Ackerhalle

Sandro Mohn

Die Ackerhalle,
in die ich schon als Kind
einkaufen ging,
ist eine von wenigen Markthallen,
die im 19. Jahrhundert entstanden sind
und bis heute zu dem Zweck,
zu dem sie erbaut wurde
überlebt haben.

Zu Ostzeiten wurde sie weitergeführt,
und man konnte dort einkaufen,
auch mit dem Wägelchen wie heute,
allerdings ohne Pfandsystem.
Es war aber eine zweigeteilte Einrichtung:
zur Hälfte Selbstbedienung,
wie gesagt,
mit dem Einkaufswagen,
und der andere Teil war ein Shop-in-Shop-System,
wo mehrere Häuschen drin standen.

Man konnte dort von Nähzeug und Spielsachen
bis hin zu frischem Fisch
alles kaufen.
Der Fischhändler,
der dort in diesem Fischstand war,
war ein Berliner Original,
das rumberlinerte
und für jeden einen flotten Spruch
auf der Lippe hatte.

Mein Vater, der ja immer auf der Suche
nach guten Lebensmitteln und Zutaten war,
war darauf erpicht,
sich bei ihm lieb Kind zu machen.
Da mein Vater mit dem Orchester
auch ins Ausland reisen konnte,
hat er einmal aus Japan
bei einer Auslandstournee
dem Fischverkäufer
eine Postkarte geschickt.

Natürlich wird er auch danach gefragt haben,
ob die Postkarte angekommen ist.
Seitdem war mein Vater bei ihm Best Friends,
und er hat immer frischen Fisch bekommen
und die besten Karpfen.

Als dann die Wende war,
war es interessant,
dass Coca-Cola sofort die Chance erkannt hat,
im Osten Fuß zu fassen.
Noch bevor die D-Mark eingeführt wurde,
das begann so ab Frühjahr 1990,
Januar, Februar,
konnte man plötzlich in der Ackerhalle
für Ostgeld Coca-Cola-Dosen kaufen.

Interessant, weil Pepsi das verschlafen hat
und Pepsi wäre eigentlich für mich
das bessere Getränk gewesen.
Aber nein,
Coca-Cola hat den Osten gleich erobert.
Clevere Strategie.

Danach ist die Ackerhalle
durch verschiedenste Firmen gegangen.
Mal war Extra der Betreiber,
dann zum Schluss Rewe,
ich glaube,
vorher war es auch noch
eine ganz andere Firma,
die dort die Kaufhalle betrieb.

Wie gesagt, wechselnde Betreiber,
mehr oder weniger,
aber gleiches Interieur.

Heute ist sie eine sehr schön rekonstruierte Markthalle,
in der ich gerne einkaufen gehe,
weil sie sehr hell,
sehr freundlich,
lichtdurchflutet ist.
Von oben scheint die Sonne rein,
während man drinnen einkauft.

Das ist etwas, was sich wirklich sehr zum Positiven entwickelt hat
und wohin ich auch heute noch
ohne Wehmut gehen kann.

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