Sehen
Erinnerungen an die Armee: Alkohol
Bei der Armee gab es den Befehl 2/84,
dass man im Objekt als kasernierter Soldat
keinen Alkohol trinken durfte.
Warum es ausgerechnet 2/84 ist,
kann ich nicht sagen.
Die 2 kann ich mir schon erklären,
weil der erste Befehl immer
der Silvester- beziehungsweise Neujahrsgruß
des Verteidigungsministers war.
Aber 84 ist ja die Jahreszahl,
und vorher hat es auch schon das Verbot gegeben,
im Armeeobjekt zu trinken.
Und ich kann mir nicht erklären,
warum 1984 das Ganze noch mal erneuert wurde.
Man konnte im Ausgang trinken,
und es gab eine Militärgaststätte,
in die man hineingehen und Alkohol trinken konnte,
wenn man Ausgang hatte.
Ansonsten war es strikt verboten.
Das bedeutete aber nicht,
dass nicht trotzdem getrunken wurde.
Es wurde Alkohol reingeschmuggelt ohne Ende.
Ich weiß noch,
dass man abends aufpassen musste,
dass man keine Flasche auf den Kopf bekam.
Die Leute haben gesoffen,
während sie Fernsehen geguckt haben,
und haben dann die Flaschen aus dem Fenster geworfen.
Es war jeden Abend so,
dass man alle zehn Minuten
ein klirrendes Geräusch hörte,
weil wieder eine Flasche auf dem Asphalt zerdeppert war.
Am nächsten Morgen konnte man sehen,
dass über den Straßen innerhalb des Armeeobjektes
ein Scherbenteppich lag,
der dann weggefegt wurde.
Das war allgemein bekannt,
und es ist verwunderlich,
dass das so hingenommen wurde.
Das heißt, es wurde neunzig Prozent der Zeit hingenommen,
und ab und zu bekamen die Offiziere einen Rappel
und haben Razzien veranstaltet
und versucht, in den Unterkünften den Alkohol zu finden.
Wahrscheinlich ist ihnen von der übergeordneten Armeestelle
immer eine Aufforderung ergangen,
so etwas zu machen.
Der Witz daran war,
dass die Offiziere selber in großen Teilen Alkoholiker waren.
Was kein Wunder ist,
wenn man diese Armee kennt.
Es war ja ein fürchterliches Leben,
auch für Armeeangehörige.
Die Leute wurden in ganz andere Städte geschickt,
als ihre eigentliche Familie war,
und dann vegetierten sie
in irgendwelchen Plattenbausiedlungen
außerhalb des Armeeobjektes,
wo sie auch nur ihresgleichen sahen.
Es muss schrecklich gewesen sein,
wenn deine Arbeitskollegen quasi deine Nachbarn sind.
Von daher ist es nicht verwunderlich,
dass viele einfach dem Alkohol verfallen sind.
Wir hatten aber unter den einfachen Soldaten
auch richtig schlimme Alkoholiker,
die, wenn sie auf Entzug waren,
sogar das Rasierwasser getrunken haben.
Das kann man sich schwer vorstellen.
Einer von diesen ist einmal in Schwedt gewesen.
Das war der Armeeknast.
Der kam nach drei Monaten völlig verändert wieder.
Vor allen Dingen auch,
weil er dort garantiert keinen Alkohol bekommen hat.
Das muss für ihn eine fürchterliche Zeit gewesen sein.
Wie er das überlebt hat,
ist mir ein Rätsel.