Sehen
Erinnerungen an die Armee: Verpissen
Armee ist etwas,
was komplett anders abläuft
als familiäre Strukturen
oder, ich sag jetzt mal,
ein Betrieb, in dem man arbeitet.
Primär ist es erst mal darauf ausgelegt,
den Willen des Einzelnen zu brechen,
um aus ihm eine Maschine zu machen,
die ungefragt jeden Befehl ausführt.
Aber nicht alle sind dafür gemacht,
ihr Gehirn und ihren Verstand auszuschalten.
Das Zweite ist,
dass man bei der Armee
auch zu absolut nervtötenden
und sinnlosen Arbeiten verpflichtet wird.
Von daher ist das Allererste,
was man bei der Armee lernt,
sich zu „verpissen“.
Ja genau, so haben wir es ausgedrückt.
Unerlaubte Entfernung von der Truppe
war ja fast ein Schwerstverbrechen,
so etwas wie die Vorstufe zum Desertieren –,
von daher musste man die Kunst beherrschen,
sich quasi aufzulösen,
ohne sich unerlaubt von der Truppe zu entfernen.
Also das, was ich als „verpissen“ bezeichnet habe.
Dafür gab es bestimmte Methoden.
Zum Beispiel war es immer sehr beliebt,
zum Arzt zu gehen.
Bei der Armee war das also der Med-Punkt,
der immer voll war von hüstelnden Personen,
die sich krank meldeten.
Aus den verschiedensten Gründen heraus,
mal richtig und mal natürlich auch ein bisschen forciert.
Dann war es sehr beliebt,
zum Friseur zu gehen.
Ein Kurzhaarschnitt war ja von der Armee vorgesehen,
und sich die Haare schneiden zu lassen
war immer etwas,
wogegen kein Offizier etwas einwenden konnte,
weil man ja den Standardanforderungen der Armee
gerecht werden wollte – oder es vorgab.
Zum Zweiten hatte das natürlich
noch einen anderen schönen Vorteil.
Wenn man zum Friseur ging,
dann ging man eigentlich zu einer Friseuse.
Bei der Armee ist man mehr oder weniger
nur von Männern umgeben,
sodass man, wenn man zur Friseurin ging,
auch mal eine zarte Damenhand
an seinem Kopf verspürte.
Was fast schon erotische Qualität hatte,
jedenfalls für hormongeschwängerte Männer,
die dauernd geil waren
und sich nach jeder Frau umgedreht haben,
die ihnen im Umkreis von zwanzig Metern
über den Weg lief.
Dann gab es noch ein paar andere Kleinigkeiten,
wie man dafür sorgen konnte,
dass man sich unerlaubt entfernte –
nur damit der Kompaniechef nicht auf die dumme Idee kam,
einem irgendwie eine Aufgabe aufzudrücken.
Und wenn man diese Kunst beherrschte,
hatte man schon fünfzig Prozent
seines Armeedienstes gemeistert.