Sehen
Erinnerungen an die Armeeanwerbung
Als kleiner Junge sah ich im Osten
gerne die polnische Fernsehserie
„Vier Panzersoldaten und ein Hund".
Das war natürlich eine Serie,
wo der Deutsche ziemlich schlecht und alt aussah
und die Polen die dicken Helden waren.
Das war mir aber als Sechs- oder Siebenjähriger überhaupt nicht bewusst.
Ich fand toll,
dass dort ein Hund vorkam,
und die Panzerbesatzung war auch sympathisch dargestellt.
Ich beschloss also:
Wenn ich mal groß bin,
dann werde ich Soldat.
Mein Vater sagte zu mir damals:
„Nun, wenn du groß bist,
wird es keine Armee mehr geben."
Leider hatte er damit nicht recht.
Aber ich glaube,
er wollte einfach verhindern,
dass ich zum Militär gehe.
Das war im Alter von sechs oder sieben Jahren.
Als ich zwölf oder dreizehn,
beziehungsweise vierzehn war,
sah das mit der Armee natürlich schon ganz anders aus.
Eines Tages musste ich aus der Klasse zum Direktor kommen.
Ich fragte mich,
was das soll,
warum ich dahin zitiert werde.
Ich war mir irgendwie keiner Schuld bewusst.
Dann stellte sich heraus,
dass unser Direktor mich dafür werben wollte,
dass ich für 25 Jahre zur Armee gehe.
Das war mir irgendwie suspekt.
Wenn ich merke, dass jemand versucht,
mich zu manipulieren
oder zu einer Entscheidung zu drängen,
dann mache ich dicht.
Ich habe das nicht gern.
Oder um es mit Goethe zu sagen:
Man merkt die Absicht und ist verstimmt.
Das Ganze hat aber auch einen ungeheuren Druck auf mich ausgeübt.
Ich hatte mich dann meiner Großmutter anvertraut,
dass man das also will.
Meine Großmutter bestärkte mich eigentlich noch,
dass ich zur Armee gehen soll,
25 Jahre.
Ich glaube heute, dass da auch ihr schlechtes Gewissen
und Angst gegenüber der DDR eine Rolle spielte.
Jedenfalls wollte ich das nun aber überhaupt nicht,
vor allen Dingen 25 Jahre.
Ich wurde auch noch ein zweites Mal zum Direktor bestellt,
und das war wirklich eine massive Belastung.
Ich habe dann irgendwann – auch um,
ich sage jetzt mal,
Abitur machen zu können,
obwohl ich es dann nicht bekommen habe,
aber das ist der große Witz an der Angelegenheit –
mich für drei Jahre verpflichtet,
um endlich diesen Druck auf 25 Jahre weg zu haben.
Ich habe diese Entscheidung aber massiv bereut.
Im Nachhinein hätte ich 25 Jahre machen sollen.
Dann hätte man mir das Abitur zugestanden,
dann hätte ich gesagt,
nee, ich will doch nicht zur Armee,
dann hätte man mich kaltgestellt,
und dann wäre die Wende gekommen,
und ich wäre um die Armee drumherum gekommen
und hätte mein Abitur gehabt.
Tja, hätte,
hätte,
Fahrradkette.
Hinterher ist man schlauer.
Jedenfalls hat meine Großmutter mich Jahre später um Verzeihung gebeten,
was die Armee betrifft.
Ich habe zu ihr gesagt,
ja, dass das alles vergeben und vergessen ist.
Es ist hinter mir. Es ist passiert.
Und ich habe es auch ernst gemeint.