Sehen
Erinnerungen an die Bäckereien
Der Osten war ja eine Mangelwirtschaft,
und von daher musste man schon ein bisschen,
wenn man gut leben wollte,
blickig sein,
wie man sowohl an normale Kleidung
als auch an Lebensmittel kommen konnte.
Und mein Vater hatte dafür ein Händchen.
Er hatte immer zum Beispiel gute Kontakte
zu unseren Bäckern.
Wir hatten davon zwei in unserem Kiez.
Der eine war direkt in unserer Straße,
das war der Bäcker Hackbart.
Ich kann mich auch noch daran erinnern,
dass ich mit meinem Vater dort war
und er mir dann eine Zuckerschnecke kaufte.
Aber der machte dann ein paar Jahre später zu,
Anfang der 70er Jahre.
Für lange Zeit – das war ein Eckgebäude –
blieben dort die Rollläden runter.
Bis nach der Wende dann plötzlich irgendwelche Leute
die Räumlichkeiten anmieteten
und dann die Bar Hackbarth's daraus machten.
Das blieb bis heute ein Szenelokal.
Nachdem Hackbart zugemacht hatte,
wandte sich mein Vater dem etwas weiter entfernten Bäcker zu.
Das war die Bäckerei Balzer.
Frau Balzer war in dem Kiez eine Institution.
Bis weit in die 2020er Jahre
hat sie den Laden geführt.
Sie war eine kluge Frau,
die Kulturwissenschaft studiert hatte
und eigentlich einen ganz anderen Lebensweg hätte nehmen können,
aber dann halt in der familiären Bäckerei hängen geblieben ist.
Man hat sie zum Schluss ziemlich fies
aus ihren Räumlichkeiten gemobbt.
Sie hatte ja keine Kinder,
und die große Frage war,
wer würde das Unternehmen übernehmen.
Irgendwelche Typen aus Amerika oder sonst woher –
ich kann es nicht genau sagen –
haben sie im Prinzip aus ihren eigenen Räumlichkeiten rausgedrängelt,
haben die gesamten Rezepte übernommen.
Und jetzt ist es naja mehr oder weniger eine gewöhnliche Backstube
und hat überhaupt nicht mehr das Flair
und die Ausstrahlung der Bäckerei von früher.
Was sehr schade ist.
Mein Vater hatte aber nicht nur normale Kundenbeziehungen zu Frau Balzer,
sondern er hatte sich auch mit dem Bäckergesellen angefreundet –
wahrscheinlich mehr aus kulinarischem Interesse
denn aus Interesse an der Person.
Und meine Stiefmutter war stinksauer,
weil er einmal mit dem Bäckergesellen einen trinken gegangen ist
und stockbesoffen wiederkam.
Dazu muss man sagen,
dass mein Vater kein Alkoholiker war,
oder keiner,
der sich regelmäßig betrank.
Aber es konnte eben schon mal passieren,
dass er mit dem Bäckergesellen versackte –
nur damit er an bessere Brötchen
oder sonstige Lebensmittel kam.