Sehen
Erinnerungen an die berufliche Orientierung
Nachdem ich von der Armee wiedergekommen war,
fing ich in meinem alten Beruf an.
Ich habe aber sehr schnell gekündigt,
weil ich mit meiner Chefin,
die eine Bekannte meiner Schwester war,
nicht zurechtkam.
Ich weiß nicht, was der wirkliche Grund war,
aber irgendwie stimmte die Chemie nicht
zwischen uns beiden
auf beruflicher Ebene.
Privat war sie ja ganz nett,
und sie hat mir auch öfter die Haare geschnitten.
Aber irgendwo war der Wurm drin,
und ich habe dann da aufgehört.
Eines der großen Probleme in den Neunzigerjahren war,
dass ich nicht wusste,
was ich werden soll.
Interessen hatte ich viele.
Ich hatte sehr viel gelesen.
Ich hatte auch meine Computerlehre hinter mir,
konnte also ein bisschen programmieren.
Aber ich habe selbst geglaubt,
dass die Entwicklung weitergegangen sei
und ich als Programmierer nicht den Anschluss hätte finden können.
Vielleicht war das auch eine falsche Einschätzung von mir,
ich weiß es nicht.
Aber ich habe jahrelang damit verbracht
und gegrübelt,
wohin ich mich entwickeln soll.
Das hat mich auch wahnsinnig belastet.
Es ist ja nicht so,
dass man arbeitslos ist
und das genießt.
So ein Mensch war ich nie.
Sondern ich wusste,
ich gehe in irgendeinem beschissenen Betrieb einfach kaputt
und zugrunde.
Ich habe dann in kleinen Projekten gearbeitet,
die über das Sozialamt vermittelt wurden.
Das hat auch alles Spaß gemacht,
aber das war natürlich keine wirklich sich selbst tragende Arbeit.
Es war ganz nett, aber nichts,
worauf man eine klassische Karriere aufbauen kann.
Erst viele, viele Jahre später hat sich dann ergeben,
dass ich ein eigenes Projekt
mit einem Kollegen entwickeln konnte.
Es hat also Jahrzehnte gebraucht,
bis ich meine Rolle im beruflichen Alltag gefunden habe.
Ich kann es schon nachvollziehen,
auch von anderen Leuten,
die verzweifelt auf Sinnsuche sind,
nicht wissen,
was sie tun sollen,
und keine Lust haben,
als Verkäufer an der Aldi-Kasse zu enden,
aber auch in einem klassischen Büro nicht froh werden.
Ich weiß nicht, was man tun muss,
um schon in jungen Jahren seinen richtigen Weg zu finden.
Ich kann nur jedem sagen:
Auch wenn es manchmal lange dauert –
es wird schon,
solange man nicht verzweifelt.