Sehen

Erinnerungen an die Berufsfindung

Sandro Mohn

In all meinen Schuljahren
bin ich davon ausgegangen,
dass ich zum Schluss
mein Abitur machen werde.

Ich war ja immer von den Jungs
der Klassenbeste
und hatte immer
einen Durchschnitt von 1,3,
1,5,
1,7,
so in dem Dreh.

Man bekniet mich auch immer,
dass ich zur Armee gehen soll,
ich wäre doch so gut
und ich würde mein Abitur bekommen.

Umso geschockter war ich,
als man mir
in der zehnten Klasse verkündete,
dass ich nicht fürs Abitur vorgeschlagen werde
und eine Lehre machen müsste.

Vermutlich deshalb,
weil ich mich nicht
für zwanzig Jahre
zur Armee verpflichtet hatte.

Ich war sehr von der Rolle.

Die große Frage war jetzt für mich:
Wenn ich kein Abitur machen kann,
was für eine Berufsausbildung
werde ich dann wählen?

Interessanterweise hatte eine
aus der Klasse erzählt,
dass man ihr vorgeschlagen hatte,
EDV zu lernen.

Da dachte ich mir, okay,
Computer ist ja mein Steckenpferd,
beziehungsweise ich habe mich dafür stark interessiert,
und ich war der Meinung,
das ist die kommende Branche.

Also werde ich mich
als EDV-Fachkraft bewerben.

Ich bin auch mit Handkuss genommen worden,
bei meinem Zensurendurchschnitt
eigentlich auch kein Wunder.

Ich war dann später irgendwann
bei der Armee stinksauer,
als ich hörte,
was andere Leute
mit beschissenen Durchschnitten
ihr Abitur machen durften.

Ich fühlte mich da wirklich schlecht behandelt.

Aber gut, ich habe dann
die Lehre angefangen.

Das Komische war, dass man Sicherheitsprüfungen
über sich ergehen lassen musste,
die ich dann auch irgendwie bestand.

Man hatte gefragt, ob ich irgendwelche westlichen Kontakte habe
und so weiter.

Nun, die hatte mein Vater,
aber scheinbar spielte das keine Rolle.

Erst viel später habe ich erfahren,
was der wahre Grund dafür war,
dass man mir das nicht negativ ausgelegt hat.

Ich fing dann 1984 im Herbst
mit der Lehre an.

Leider war zu diesem Zeitpunkt
mein Vater schon gestorben.

Er ist ja kurz bevor ich
meine zehnte Klasse beendet hatte
gestorben.

So interessant wie die Lehre auch war –
wir lernten Großrechner zu bedienen.

Ich musste Magnetplatten
und Magnetbänder einfädeln,
die Drucker ready machen,
wie man das damals so nannte,
und stundenlang
vor einem Monitor sitzen,
bis er piepte
und man die Anweisung bekam,
jetzt muss dieses oder jenes gemacht werden.

Eigentlich ein ziemlich langweiliger Job,
der dann darin bestand,
dass man sich die ganze Zeit unterhielt.

Meistens saß man damals
zu zweit,
zu dritt
oder sogar zu viert
an so einem Computer
und saß die Zeit ab.

Was noch unangenehm war,
waren die Arbeitszeiten.

Es gab vier Schichten:
Schicht 1,
Schicht 2,
Schicht 3,
Schicht 4.

Wir arbeiteten in einem Vierschichtsystem,
wobei man immer
acht Stunden arbeitete
und die vierte Schicht
quasi Urlaub hatte,
weil man auch am Wochenende durcharbeitete.

Von daher war es einerseits
sehr interessant,
weil man unter anderem
fünf Tage am Stück
auch mal frei hatte.

Aber die Schichten selbst –
Schicht 2
und Schicht 4
waren angenehm.

Schicht 1 und Schicht 3
bestanden aus unangenehmen,
großkotzigen Personen,
die teilweise einen Rochus auf mich hatten
oder mich auf dem Kieker hatten.

Ich weiß nicht wieso,
ich habe nichts getan.

In den anderen beiden Schichten
war das völlig anders.

Die Menschen dort waren völlig normal,
und man kam mit ihnen
ganz normal aus.

Aber Schicht 1 und Schicht 3 –
schrecklich.

Im letzten halben Jahr
war keine Berufsschule mehr,
sondern da war Einarbeitung
am Arbeitsplatz.

Wo wurde ich eingeteilt?
In der beschissenen Schicht 1.

Da ist es kein Wunder,
dass die Freundin meiner Schwester,
die ebenfalls in einem Rechenzentrum arbeitete,
mich dann abwarb.

Als meine Lehre fertig war,
habe ich nicht weiter
in dem Betrieb gearbeitet,
sondern im Rechenzentrum
meiner Bekannten angefangen.

Allerdings sollte sich das später auch
als Fehler herausstellen.

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