Sehen

Erinnerungen an die Computersehnsucht

Sandro Mohn

Als Science-Fiction-Fan
war ich schon immer
an Computern interessiert,
die leider im Osten
Mangelware waren.

Umso mehr war ich erfreut,
als ein Freund es schaffte,
mit mir zusammen
bei einem Professor
im Institut für Kybernetik
eine Woche lang
in den Winterferien
arbeiten zu dürfen.

Wir haben dort Bücher
und ähnliche Sachen
für den Professor sortiert.

Dafür hat er sich dann
mit uns immer hingesetzt
und über Computer gesprochen.

Ich durfte an seinem
programmierbaren Taschenrechner
von Hewlett-Packard
ein bisschen rumspielen,
was mich schon begeisterte,
weil das ein Taschenrechner
mit Magnetstreifen war,
mit dem man den Rechner
programmieren konnte.

Ich durfte dann noch einmal
zu ihm nach Hause kommen
und an seinem Computer –
ich glaube, es war ein Amiga
oder ein Commodore –
irgendwelche Daten
in den Rechner eingeben,
was mich selig machte.

Dann erzählte er mir noch,
dass es einen ZX81-Bausatz
im Westen gäbe,
der unter hundert Mark
kosten würde.

Dann war natürlich mein sehnsuchtsvolles Ziel,
diesen Computer zu bekommen.

Allein ich wusste nicht,
wie.

Es war dann so, dass irgendwann
meine Großmutter
mütterlicherseits mich
eines Tages besuchte.

Sie war ja Mitte der 70er Jahre
in den Westen gereist,
weil sie Rentnerin war.

Da hatte der Osten kein Problem mehr damit –
dann musste er keine Rente
an die Rentner zahlen.

Ich fragte sie, ob sie mir nicht so einen ZX81
kaufen könne.

Nun, das ist auch nicht wenig Geld,
auch wenn es einen jetzt
nicht umbringt.

Tatsächlich kam sie dann
eines Tages wieder –
ich war allerdings noch
in der Schule –
und sie gab meiner Großmutter
väterlicherseits
ein Geschenk an mich.

Allein, es war kein ZX81,
sondern es war eine Digitaluhr
mit eingebautem kleinen Taschenrechner.

Das waren winzig kleine Tasten,
auf denen man im Prinzip
einen Taschenrechner im Urformat hatte,
im Armbanduhr-Format.

Ja, das war eine witzige Spielerei,
aber es war nicht das,
was ich wollte.

Ich wollte ja einen programmierbaren Rechner,
mit dem ich richtig arbeiten konnte,
um Basic-Programme zu schreiben
und andere Dinge zu machen.

Ich glaube, ich hätte dafür
einen Mord begangen,
wenn es denn genutzt hätte.

Es gab Computer im Osten,
die angekündigt waren,
allein sie kamen nie
in den Handel.

Man sah sie immer nur
in irgendwelchen Zeitschriften,
dass dann und dann geplant sei,
diese Computer zu bauen.

Aber die wenigen Exemplare,
die gebaut wurden,
gingen immer an irgendwelche
staatlichen Stellen.

In den freien Handel
sind die Teile nie gekommen.

Ich habe jahrelang davon geträumt
und konnte erst nach der Wende
meinen ersten Rechner zulegen.

Das war dann ein 286er
mit monochromem Bildschirm,
und er hat mich viel Geld gekostet.

Das Ganze hatte noch DR-DOS
als Betriebssystem,
es gab noch kein Windows,
und es gab nur einen schnarrenden
Nadeldrucker dazu.

Aber ich war glücklich.

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