Sehen

Erinnerungen an die Einberufung

Sandro Mohn

Es ist in mein gesamtes
Erinnerungsvermögen eingebrannt,
und ich werde es nie vergessen:
den 4. November 1986.

An dem ich zur Armee
eingezogen wurde.

Ich Idiot hatte mich ja
für drei Jahre verpflichtet,
und an dieser Stelle will ich
nicht noch mal darauf eingehen,
warum.

Es war halt so.

Ich hatte, ich glaube,
ein oder zwei Monate vorher
den Einberufungsbefehl bekommen.

Ich stand dann an diesem Tag
ganz normal auf,
ich hörte Radio.

Ich weiß noch, dass so
die übliche Achtzigerjahre-Musik lief,
ich glaube sogar dieses
„New York, Rio, Tokyo".

Es war noch dunkel,
ich musste früh aufstehen.

Der Treffpunkt war, ich glaube,
an einem S-Bahnhof im Süden
von Ost-Berlin,
und dort sollte man sich
um acht Uhr einfinden.

Das heißt, ich hatte dann geguckt,
dass ich so eine Dreiviertelstunde
wahrscheinlich fahren würde.

Und ich musste ja noch die Zeit
bis zum S-Bahnhof Marx-Engels-Platz
einkalkulieren.

Das heißt, ich ging im Dunkeln
aus dem Haus,
mit Handgepäck,
was man so hat –
Schlafanzug und ein paar
persönliche Dinge.

Ich wusste nicht, was mich erwartet.

Es war dann ein großer Platz
vor dem Bahnhof,
auf dem sich viele junge Männer
einfanden,
die alle mit mir einberufen
worden waren.

Wir wurden dann, ich glaube,
in Züge gesetzt,
und ich kam nach Delitzsch.

Das war eine Unteroffiziersschule
für Kradmelder.

Witzigerweise hatte ich gar keine
Motorradfahrerlaubnis.

Das ist das, was ich dann später
ändern sollte –
ich sollte später woanders hin
versetzt werden.

Erst einmal war ich halt an dieser
Unteroffiziersschule.

Sofort als wir dort ankamen,
wehte ein rauer Wind,
wie wir merkten.

Wir mussten dann alle paar Sekunden,
wenn es hieß „Kompanie raustreten!",
– einer musste aus dem Zimmer
und das Zimmer immer melden,
und danach mussten dann alle raus.

Es wurde also sofort militärischer Drill
geübt.

Wir erhielten dann zum einen unsere
Uniformen und Ausrüstung.

Dann wurden wir zum Friseur geschickt,
der uns die Haare schnitt.

Und wir wurden fotografiert,
damit wir einen Ausweis bekommen konnten.

Nach einer Stunde im Armeeobjekt
war jeder von uns so gestresst,
dass er am liebsten nach Hause
gewollt hätte.

Aber da war es zu spät.

Es gab kein Entrinnen mehr.

Wir haben alle geflucht
und sind dann als Armeeangehörige
eingeschlafen,
während wir frühmorgens noch als
Zivilisten in den Tag gestartet waren.

Und erst im Jahre 1989,
am 24. August,
sollte diese Zeit zu Ende sein.

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