Sehen

Erinnerungen an die Einschulung

Sandro Mohn

Man wurde früher – ich weiß nicht,
ob das heute auch noch so ist –
am ersten Sonnabend im September
eingeschult.

Der Schulbeginn regulär war eigentlich
immer der erste September,
es sei denn, er fiel auf einen Sonntag.
Der erste Sonnabend war dann
für die erste Klasse vorbehalten.

Meine Schwestern gingen beide
auf dieselbe Schule,
wobei meine größere Schwester
kurze Zeit später aufs Gymnasium wechselte,
was im Osten eine erweiterte Oberschule war,
um dort das Abitur zu machen.

Meine Einschulung fand
in der Aula statt.
Es gab eine Klasse A
und eine Klasse B,
und wir waren sehr, sehr viele Kinder.

Allein in der Klasse A,
in der ich war,
waren wir 33 Schüler.

Bei dem Einschulungsakt wurden wir dann
aufgerufen,
wer in welche Klasse kommt.

Aber vorher gab es noch
eine kleine Ansprache,
und die Lehrerin machte mit uns
sozusagen einen Wettbewerb,
ob wir schon von eins bis zehn
zählen können.

Das machten wir auch,
und ich war dann wieder vorwitzig
und habe bis zwanzig weitergezählt.

Was natürlich einerseits
großes Amüsement auslöste,
andererseits den Lehrern schon zeigte:
Ich bin jemand,
der aus der Reihe tanzt.

Ich glaube, das haben viele Lehrer damals
noch nicht ganz begriffen.

Danach wurden wir in die Klassenräume geführt,
und man hat uns
den Klassenraum gezeigt.

Das war es dann auch schon.

Natürlich gab es eine riesige Zuckertüte,
in der alle möglichen Süßigkeiten drin waren,
die ich natürlich auch relativ schnell
vernascht habe.

Ich bekam eine rote Schulmappe
von meinem Vater,
und ich kann mich noch sehr genau
an den Geruch des Leders erinnern.

Dieser Ledergeruch ist für mich
immer verbunden mit der ersten Klasse
und Schule.

Wenn ich diesen Ledergeruch
einer Aktentasche rieche,
dann versetzt mich das immer wieder
in die erste Klasse
und an das Gefühl,
in den Unterricht zu gehen.

Unsere Lehrerin war
eine sehr angenehme Lehrerin.
Ich weiß noch,
dass sie sehr beliebt
auch bei uns Schülern war.

Leider ist sie aber
nach dem ersten Jahr schon
von der Schule gegangen.

Ich weiß nicht, aus welchem Grund,
aber ich habe es bedauert.

Sie hat auch eine hervorragende,
vorbildliche Schreibschrift gehabt,
ich kann mich noch daran erinnern.

Ich habe mich immer gewundert,
wie man so sauber schreiben kann,
fast schon wie jemand,
der so etwas professionell malt
mit dem Stift.

Wie man so schöne Schreibschriften
machen kann.

Meins war nur ein Gekrakel.
Und das ist es bis heute geblieben.

Das Interessante daran ist,
dass die B-Klasse genauso viele Schüler
gehabt haben wird.

Wir sind also in der ersten Klasse
mit über sechzig Kindern gestartet.

Und als ich die Schule verließ,
war die A- und die B-Klasse
zu einer Klasse zusammengefasst,
und wir waren nur noch 22 Schüler.

Das heißt, unser Jahrgang ist in diesen zehn Jahren
um zwei Drittel geschrumpft,
weil die meisten an den Rand von Berlin
in die Neubaugebiete gezogen sind.

Jahr für Jahr haben die Kinder
die Schule verlassen.

Es kamen zwar auch welche
in die Klasse dazu,
aber das war eher die Ausnahme.

So hat sich über die Jahre
die soziale Struktur unseres Kiezes
komplett verändert.

Ein anderer interessanter Punkt ist,
dass ich zwar mit meinen Schwestern
auf eine Schule gegangen bin,
ich mich aber nicht daran erinnern kann,
je mit ihnen zusammen
den Schulweg gegangen zu sein.

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