Sehen

Erinnerungen an die erste Entscheidung

Sandro Mohn

Die erste freie Entscheidung meines Lebens
– womit ich nicht Kleinigkeiten
des täglichen Alltags meine,
sondern wirklich Entscheidungen, die das
Leben prägen – war die
Entscheidung über mein zu lernendes
Instrument.
Diese erste Entscheidung traf ich
mit sechs Jahren.
Und geschah folgendermaßen.

Meine Mutter war sehr darauf
erpicht, dass wir Kinder
alle ein Musikinstrument lernten.
Meine Schwestern lernten schon Instrumente zu spielen –
die eine Querflöte, die andere
Cello.
Nach dem Wunsch meiner Mutter
sollte ich Klavier lernen.
Und so stand eines Tages
ein Klavier im Kinderzimmer.

Meine Kindergärtnerin verpflichtete mich
darüber hinaus, am Klavier
im Kindergarten zu üben.
Die anderen Kinder spielten.
Ich musste ihnen dabei zusehen,
während ich Tonleitern übte.
Das machte mir keinen großen
Spaß.
Ich entwickelte eine gewisse Abneigung
gegen das Klavierspielen.

In dieser Zeit begann an
der Musikschule um die Ecke
ein einjähriger Vorbereitungskurs,
an dem ich teilnahm.
Wir trommelten, sangen Lieder.
Das machte Spaß.
Weil es kein langweiliges
Klavierüben war.

Am Ende dieses einjährigen Kurses
fragte uns die Musiklehrerin,
welches Instrument wir denn in
Zukunft spielen wollten.
Zur Auswahl standen: Klavier und
Violine.
Keine Frage, ich griff nach
der Violine.
Weil ich glaubte, so dem
verhassten Klavier entkommen zu können.

Das Interessante ist: Ich habe
tatsächlich meinen Willen bekommen.
Kein Klavier mehr, dafür jetzt
Violine.
Nach drei Jahren konnte ich
immerhin Vivaldi spielen.
Auf jedem Schulfest wurde ich
mehr oder weniger genötigt, aufzutreten.

Aber auch das Violinespielen erfordert
tägliche Übung.
Meine Großmutter setzte sich jeden
Tag mit mir hin und
übte eine Stunde Geige.
Man kann sich vorstellen, dass
nach einer gewissen Zeit auch
mein Enthusiasmus sank.

Und so kam es, dass ich
mich eines Tages nach einer
Stunde Üben auf den Schoß
meiner Großmutter setzte und sagte,
dass ich keine Lust mehr habe,
Violine zu spielen.

Interessanterweise wurde meinem Protest stattgegeben.
Mit der Musiklehrerin wurde vereinbart,
dass ich die Geige noch
ein halbes Jahr behalten dürfe
– um zu sehen, ob ich
vielleicht später wieder anfangen würde.

Tatsächlich hatte ich nach einem
halben Jahr noch einmal einen
Auftritt in der Schule.
Aber ich merkte, dass meine
Finger steif geworden waren.
Ich konnte nur noch mit
Mühe spielen.
Danach habe ich meine Geige
für lange Zeit nicht mehr angefasst.

Später bekam ich dann noch
mal einen Rappel und nahm
für zwei Jahre in derselben
Musikschule wieder Geigenunterricht.
Ich versuchte, an meine Kindheit
anzuknüpfen.
Und ich bedauerte, mit dem
Musikspielen aufgehört zu haben.

Aber auch das: zwei Jahre,
dann war mein Enthusiasmus für
das tägliche Üben auch als
Erwachsener erlahmt.
Vor allem, weil ich merkte,
dass meine Finger nicht mehr
die Beweglichkeit hatten wie als Kind.

Aber das Musikspielen hat doch
einen positiven Einfluss auf mein
Leben gehabt.
Über das Violinespielen habe ich
eine gewisse Intelligenz in meinen
Fingern und Händen entwickelt.
So komisch es klingt: Im Fußball
war ich nie gut, aber immer
im Handball.
Weil ich wusste, wie man mit
einem Ball umgeht.
Und das komischerweise, weil ich
mal ein Musikinstrument gelernt hatte.

So kann man sehen: Musik trainiert
den Körper.

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