Sehen

Erinnerungen an die ersten Jahre

Sandro Mohn

Die schönste und unbeschwerteste Zeit
meines Lebens habe ich
im Kindergarten verbracht.
Auch wenn die Aufnahme
mit Tränen begann.

Das erste Mal in den Kindergarten ging ich
anlässlich eines Faschingsfestes.
Meine Mutter hatte mich
als Pittiplatsch verkleidet.
Sie hatte ja in
der Oper gearbeitet
und kam dort an
Requisiten und ähnliche Sachen
heran.
So wurde ich ausstaffiert
und geschminkt.
Ich weiß noch, dass
die Tränen über meine
Wangen rannen und die
gesamte Schminke das Gesicht
herunterlief.
Ich muss schrecklich ausgesehen
haben.
Es war der Versuch,
mich dort sozial einzuführen.
Und das ging schief.

Aber das ist eine der wenigen traurigen Erinnerungen.
Die andere ist das
Klavierspielen, das ich dort
eine Zeit lang betreiben musste.
Hat mir keinen großen
Spaß gemacht.

Aber ansonsten waren diese
drei Jahre wunderschön und
erinnerungswert.
Im Gegensatz zu meiner
späteren Schulzeit waren dort
die Kinder sehr angenehm.
Kein Mobbing, keine durchgeknallten
Persönlichkeiten.
Alle haben sich vertragen.
Wir waren eine glückliche
Gemeinschaft.

In der Schulzeit später
gab es entweder Verhaltensgestörte
oder Oppositionelle.
Da musste man sich
irgendwie durchmogeln.
Aber im Kindergarten war
alles sehr – oder fast
– unpolitisch.
Bis auf eine kleine
Episode.

Unsere Kindergärtnerin nahm uns
beiseite und zeigte uns
eine Puppe, die die
Spielzeugindustrie hergestellt hatte.
Eine Puppe, die pullern
konnte.
Man füllte sie mit
Wasser und unten kam es
aus dem Schniedelwutz wieder raus.
Die Kindergärtnerin war der Meinung,
das sei obszön.
Wir sollten gemeinsam einen Brief
an die Spielzeughersteller schreiben,
damit diese Puppe nicht
weitergebaut wird.

Ich habe mich dafür
nicht sonderlich interessiert.
Diese pädagogische Maßnahme und
den anschließenden Brief habe ich
mehr oder weniger über mich
ergehen lassen.
Keinen Sinn drin gesehen.
Aber ich war ja
auch ein Junge.
Und welcher Junge hat damals
schon mit Puppen gespielt?
Nein.

Wir waren eher auf Panzer
und andere Spielsachen geeicht
– Messer und Gewehre,
um Cowboy und Indianer zu spielen.
Komischerweise war für die
Kindergärtnerinnen Kriegsspielzeug kein großes
Drama.

In die Zeit des Kindergartens fällt auch das
Erwachen des eigenen Ichs.
Als ich mich zum allerersten
Mal als Persönlichkeit begriffen habe.
Das war im Alter
von vier Jahren.

Ich weiß noch, dass ich
auf einer Bank stand.
Es war Winter oder Herbst.
Ich schaute nach draußen und
sah, wie mein Vater,
der mich gerade in den
Kindergarten gebracht hatte, verschwand.
Auf dem Weg zur Arbeit.

Ich war unheimlich stolz darauf,
vier Jahre alt zu sein.
Und dieser Stolz – das
war zum allerersten Mal
der Augenblick, als ich mich
als Person wahrgenommen habe.

Alles vorher sind Erinnerungen
wie ein Stummfilm, der an
einem vorbeizieht.
Mit vier Jahren begann die
Reflexion über das eigene ICH.
Also ein: Ich denke,
also bin ich.

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