Sehen
Erinnerungen an die frühe Schulzeit
In der zweiten Klasse gab es
ein Ereignis, das mein gesamtes
weiteres Leben prägend beeinflusst hat.
Unsere Klassenlehrerin, die uns auch
in Deutsch unterrichtete, eröffnete uns
eines Tages, dass wir in
eine Bibliothek gehen würden.
Eine Kinderbibliothek.
Diese lag nicht weit von
unserer Schule.
Wir wurden dort gewissermaßen zwangsangemeldet.
Klingt komisch, aber es war
tatsächlich so: Die Lehrerin wanderte
mit der gesamten Klasse dorthin.
Jedes Kind bekam einen Bibliotheksausweis
und konnte sich sofort ein
Buch ausleihen.
Die meisten haben das über sich
ergehen lassen und wahrscheinlich danach
nie wieder diese Kinderbibliothek betreten.
Aber ich lieh mir ein
Buch aus.
Ich weiß auch noch genau welches:
„Tschaske Wolkensohn und andere indianische Geschichten".
Das war das erste Buch,
das ich selbstständig zu Hause
gelesen habe.
Noch langsam. Wort für Wort.
Aber mit jeder Geschichte flüssiger
und ich kam auf den Geschmack.
So wurde ich Stammgast in
dieser Kinderbibliothek.
Im Laufe der Zeit begann ich,
mindestens drei Bücher pro Woche
zu lesen.
Einige Jahre später konnte ich
dann in die Erwachsenenbibliothek wechseln.
Zum Schluss war ich in
drei Berliner Bibliotheken angemeldet
und hatte ständig zwanzig oder
dreißig Bücher zu Hause.
Alle wurden durchgelesen.
Das habe ich jahrelang exzessiv betrieben,
bis zur Armeezeit.
Bücher wurden zu meiner ganz
privaten Sucht.
Ich begann, Bücher nicht nur auszuleihen,
sondern mir eine eigene Bibliothek zuzulegen.
Die habe ich heute noch.
Fast komplett in meinem eigenen kleinen
Bibliothekszimmer.
Nur ein paar Dutzend Bücher
habe die Jahrzehnte nicht überlebt
und fehlen mir.
Bei Umzügen verloren gegangen, an Bekannte
ausgeliehen und nie wiederbekommen.
Wenn es diesen Zwang zur Anmeldung
nicht gegeben hätte – wer weiß,
ob ich so eine Leseratte geworden wäre.
Vor allem, weil ich später viele
Science-Fiction-Romane verschlang und die mich wiederum
dazu brachten, Sekundärliteratur zu lesen.
Nach und nach baute ich mir so
ein ziemlich breites Allgemeinwissen auf.
Und das alles nur, weil man mich
an die Hand genommen und gesagt hat:
Hier, in dieser Bibliothek meldest du dich jetzt an.
Manchmal ist Zwang gar nicht so schlecht.
Obwohl ich eigentlich ein freiheitsliebender Mensch bin.
Aber über diese Entscheidung, die nicht
auf meinem Mist gewachsen ist, bin ich sehr glücklich und zufrieden.