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Erinnerungen an die Geisterbahnhöfe

Sandro Mohn

Was mich am meisten an meiner Kindheit fasziniert,
ist der Umstand,
dass ich viele Dinge für natürlich und gegeben gehalten habe
und sie nicht hinterfragt habe.

Zum Beispiel die Existenz der Geisterbahnhöfe in Berlin.

Normalerweise hätte ich als Kind ja grübeln müssen,
wohin diese Gänge in die Erde führen,
die überall in Berlin verstreut waren.

Im Zentrum und in meiner Umgebung allein gab es drei oder vier dieser U-Bahn-
beziehungsweise S-Bahn-Eingänge,
die nach unten gingen,
weil in Berlin-Mitte die S-Bahn teilweise auch unterirdisch fuhr.

Es waren heruntergekommene U-Bahn-Eingänge.

Ich kannte ja U-Bahn-Eingänge von der Ost-Berliner U-Bahn,
und sie waren fast wie unsichtbar.

Es ist also sehr merkwürdig,
dass der Osten es geschafft hatte,
diese Teile,
obwohl sie da waren,
als nicht existent irgendwie im Bewusstsein zu verankern.

Jedenfalls ging es mir so,
und ich bin eigentlich ein neugieriges Kind gewesen.

Ich habe auch vieles hinterfragt,
aber das komischerweise überhaupt nicht.

Auch dass ich zum Beispiel manchmal,
wenn ich in die Stadtbibliothek gehen wollte,
in der ich häufig war,
unten die U-Bahn hörte.

Ich wusste, dass dort keine Ostlinie fährt,
und ich fragte mich,
woher dieses U-Bahn-Geräusch kommt.

Auf die Idee, dass das eine West-U-Bahn ist,
die unter dem Osten langfährt,
ohne zu halten,
bin ich als Kind nicht gekommen.

Und so sehr die Frage auch verwunderlich war,
habe ich doch keinerlei Anstalten gemacht,
dieses Mysterium zu ergründen.

Ich hätte ja beispielsweise nur meinen Vater oder meine Großmutter fragen brauchen,
und die hätten mir schon eine Antwort gegeben.

Wobei ich glaube, eher meinen Vater als meine Großmutter,
denn meine Großmutter war sehr kommunistisch eingestellt,
und ich glaube,
sie hätte versucht,
sich irgendwie um diese Antwort zu drücken.

Was noch interessanter ist:
Im S-Bahnhof Friedrichstraße
und im S-Bahnhof Alexanderplatz
beziehungsweise in diesen Knotenpunkten
gab es eben auch Zugänge zu den West-U-Bahn-Linien,
die dort langfuhren.

Das Interessante ist,
der Osten hat es geschafft,
diese Eingänge so zuzumauern
und mit Kacheln so zu verputzen,
dass man es nicht gesehen hat.

Ich wusste zum Beispiel wirklich überhaupt nicht,
dass es am Alexanderplatz noch eine weitere Linie gibt,
die für mich gesperrt ist.

Das war ein großes Erstaunen nach dem Mauerfall,
als ich dann merkte,
was für eine Infrastruktur noch existiert.

Auch zum Beispiel am S- und U-Bahnhof Friedrichstraße,
als ich das allererste Mal in den Westen durfte.

Dort bin ich ja kurz nach dem Mauerfall
zum ersten Mal nach West-Berlin rüber.

Ich kannte nur den Ost-Berliner S-Bahnsteig,
der sich oben befand.

Ich wusste aber nicht,
dass es unten noch eine S-Bahn- und eine U-Bahn-Linie gibt.

Ich war, wie gesagt,
dann vollkommen erstaunt,
dass diese Bahnhöfe viel größer waren,
als ich wusste.

Das war dann auch so ein Teil,
der die Glaubwürdigkeit des Ostens noch mehr erschüttert hat –
was er uns eigentlich alles vorenthalten hat.

Sich daran zu gewöhnen,
dauerte doch einige Zeit.

Aber der Mensch gewöhnt sich an alles,
auch wieder an eine verkehrstechnisch intakte Stadt.

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