Sehen

Erinnerungen an die letzten Tage bei der Armee

Sandro Mohn

Die letzte Zeit bei der Armee
war ich Spießschreiber,
das heißt,
ich war der Gehilfe
des Hauptfeldwebels
des Stabes
meines Regimentes.

Zwei Monate vor der Entlassung
wurde ich dann
strafversetzt,
weil mir ein Fauxpas passierte.

Ich war zu diesem Zeitpunkt
Waffenkammerfunktionär
und hatte den Schlüssel
für die Waffenkammer
aus Versehen nicht wieder
in das versiegelte Kästchen getan.

Weil ich genau in diesem Augenblick
abgelenkt wurde –
jemand rief an
und ich sollte
die neuen Reservisten
in Empfang nehmen.

Das passierte genau just
in diesem Augenblick,
als ich das tun wollte.
Das hat mich abgelenkt.

Und jetzt passierte
ein noch größerer Zufall:
Genau in dieser Nacht
versuchte jemand,
in die Waffenkammer
eine Etage tiefer
einzudringen.

Es klappte aber nicht,
der Schlüssel blieb
im Schloss stecken.

Was zur Folge hatte –
das wurde dann irgendwann entdeckt –,
dass alle Waffenkammerschlüssel
gesucht wurden.

Und ich hatte meinen noch
in der Uniformtasche stecken,
weil ich es ja vergessen hatte.
So flog es auf.

Ansonsten hätte ich ihn
bei der nächsten Gelegenheit
dahin getan,
wo er hätte hinkommen sollen.

Jedenfalls wurde das
als Grund genommen,
um mich zu degradieren.

Man hat nicht großartig gefragt,
warum es so war,
sondern einfach:
Der Schlüssel war nicht da,
also Degradierung angesagt.

Das war schon irgendwie bitter,
weil ich mich ungerecht behandelt fühlte.

Aber gut, so war es halt.

Ich verlor daraufhin auch
meinen Spießschreiberposten.

Ich musste die Waffenkammer abgeben,
was mir jetzt nicht sonderlich unangenehm war.

Und ich wurde dann für die letzten acht Wochen
ins Lager gesteckt,
ins Bekleidungs- und Ausrüstungslager.

Was mir auch wiederum
nicht ganz unrecht war.

So konnte ich mir die fehlenden Teile
sozusagen besorgen,
um sie dann zum Schluss
komplett abgeben zu können.

Und ich hatte in den letzten Wochen
jeden Tag etwas zu tun.

In der Bekleidungs-
und Ausrüstungskammer
war das nicht weiter schlimm,
weil man die Sachen
einfach nur
von dem einen Container
in den anderen sortieren musste.

Man hatte also Ruhe,
einerseits keinen Stress,
und andererseits
verging auch die Zeit.

Von daher war ich nicht böse.

Es war nur finanziell unangenehm.

Durch die Degradierung
habe ich dann
eine Menge Geld verloren,
weil der Sold
für zwei Monate gekürzt wurde
und das Übergangsgeld ebenfalls.

Ich habe damals wahrscheinlich
so 1500 Mark verloren.

Was mich am meisten gestört hat,
war, dass ich
vor Untergebenen degradiert wurde.

Ich war ja Unteroffizier,
und man hat mich
vor Soldaten degradiert,
was eigentlich verboten war.

Das war das, was ich am unangenehmsten fand.

Man hat mir also eine Verfehlung vorgeworfen
und begeht dabei selbst
einen Verstoß
gegen die Dienstvorschrift.

Aber so war das halt.

Es war auch die Zeit
kurz bevor die DDR
zusammengebrochen ist.

Vielleicht hat das auch
eine Rolle gespielt,
dass die Offiziere alle gemerkt haben,
hier ändert sich etwas.

Sie haben wild und panisch versucht,
die Kontrolle zu behalten.

Und wie wir wissen,
haben sie die kurze Zeit später verloren.

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