Sehen
Erinnerungen an die Maueröffnung
Die Maueröffnung
habe ich als Berliner
verpasst,
was für eine Schande.
Und das, obwohl ich eigentlich
zu dem Zeitpunkt
in Berlin war.
Ich war ein Vierteljahr vorher
von der Armee entlassen worden.
Dazu muss ich sagen:
Ich hatte kurz vorher
in meinem alten Betrieb gekündigt
und war auf der Suche
nach einer neuen Arbeit.
Ich war sozusagen kurz davor,
einen Gelegenheitsjob anzunehmen,
den mir ein Bekannter empfohlen hatte.
Ich wurde dann Pförtner
bei einem Verband in Berlin,
hatte aber noch nicht angefangen –
hatte also quasi
ein bisschen Urlaub,
oder wie man es auch immer nennen will.
Ich war zwischen zwei Arbeitsstellen.
Eigentlich war ich arbeitslos,
aber das gab es ja im Osten damals noch nicht.
Ich fuhr nach Thüringen,
weil dort ein Treffen
in einer Blockhütte
mit Freunden war.
Frühmorgens fuhr ich los
mit dem Taxi zur Eisenbahn
und dann weiter nach Thüringen.
Als ich abends dort ankam
und in der Blockhütte saß,
machten wir das Radio an.
Und plötzlich kam die Meldung,
dass in Berlin die Mauer auf ist.
Die berühmte Rede von Schabowski.
Dann wurde gerätselt,
ob oder ob nicht,
und dann gab es Liveschaltungen
von der Grenze –
dass man also tatsächlich
nach West-Berlin rüberkonnte.
In diesem Augenblick
habe ich mir derart
in den Arsch gebissen,
dass ich nach Thüringen gefahren bin.
Ich war auch von der westdeutschen Grenze
viel zu weit entfernt,
ich konnte gar nicht ausprobieren,
ob man dort auch hätte rübergehen können.
Und so habe ich diesen welthistorischen Moment
am Radio verbracht.
Ich hatte noch nicht einmal Fernsehen da unten.
Am nächsten Tag ist natürlich jeder
nach Berlin gefahren,
also ich auch.
Ich habe das Wochenende nicht in Thüringen verbracht,
wie vorgesehen,
sondern setzte mich schnurstracks
in den nächsten Zug nach Berlin.
Das Komische war wirklich:
Alle saßen in diesem Zug
und grinsten sich an.
Wir haben gar nicht groß gesprochen.
Wir grinsten uns an,
weil wir wussten,
wir fahren nach Berlin,
um zu sehen,
ob wir auf die andere Seite kommen können.
Ich hatte da noch ein nettes Mädchen
im Zug kennengelernt
und mich mit ihr verabredet,
dass wir uns an der Friedrichstraße wiedersehen
und gemeinsam versuchen,
nach West-Berlin rüberzugehen.
Als ich dann aber von zu Hause
zum Übergang Friedrichstraße fuhr,
stand ich da
und sah eine riesenlange Menschenschlange,
die sich hin und her wand.
Es war aussichtslos,
dieses Mädchen wiederzutreffen,
weil so viele Leute da waren –
das war nicht vorstellbar.
Ich habe dann aber einen Freund getroffen,
den, der mir den Job besorgt hatte.
Ich gesellte mich zu ihm,
habe also ein bisschen vorgedrängelt.
Aber es hat keiner gemotzt.
Wir mussten alle lange warten.
Und dann war es tatsächlich so,
dass ich einen Tag später,
am Freitag,
zum allerersten Mal
den Übergang nach West-Berlin nehmen konnte.
Ich stand in dem Teil
des S- und U-Bahnhofs Friedrichstraße,
der für Ostdeutsche immer gesperrt gewesen war.
Es war ein sehr merkwürdiges Gefühl.
Und dort roch ich zum allerersten Mal den Westen.
Die U-Bahn-Züge waren damals
mit einem besonderen Putzmittel gereinigt,
das einen sehr orangenhaltigen,
süßlichen und angenehmen Geruch hatte.
Ich weiß nicht, ob dieser Geruch immer noch existiert
oder ob dieses Putzmittel immer noch existiert.
Jedenfalls rieche ich ihn heute nicht mehr,
überhaupt nicht mehr.
Aber damals war es eine olfaktorische Erkennung,
dass man jetzt
in eine West-Berliner U-Bahn steigt,
weil sie wirklich ganz anders roch.
Und ja, das war dann für mich
das allererste Mal,
dass ich West-Berlin betrat
und für mich eroberte.