Sehen
Erinnerungen an die Nachbarn
Im Vorderhaus,
wo meine Familie wohnte,
wohnten ja nur wir,
weil es nur ein Stockwerk gab,
also Parterre
und dann erster Stock
und da drüber war ja schon das Dach.
Und in Parterre wohnte niemand.
Dafür war der Seitenflügel
um einige Stockwerke höher
und es gab dann auch einen vorderen
und einen hinteren Seitenflügel,
die sozusagen ein bisschen versetzt waren.
Und in dem einen Seitenflügel
waren unten auch zwei Garagen,
die früher aber einmal Ställe gewesen sein müssen,
wo die Kutscher die Pferde
und die Wagen untergebracht haben müssen.
Es gab auch eine Teppichstange
auf dem Hof,
wo früher wahrscheinlich die Leute
ihre Teppiche drübergelegt
und ausgeklopft hatten.
Und ich war als kleines Kind,
sagen wir mit sechs, sieben, acht, neun, zehn Jahren,
auch relativ unbekümmert,
wenn es darum ging,
die Nachbarn einfach zu besuchen.
Ganz unten, na ja,
das war so eine Art Hochparterre,
wohnte ein junger Mann,
den ich ab und zu besuchte
und seine Matchbox-Sammlung bestaunte,
die er da zu stehen hatte.
Er war ein großer Matchbox-Fan
und hatte mindestens 100 Autos da stehen,
von kleinen Rennwagen
bis hin zu irgendwelchen Baggern
und LKWs
und was es da nicht alles gab.
Und ich durfte es dann bestaunen
und auch einmal ein Matchbox-Auto
in die Hand nehmen.
Er muss damals wahrscheinlich
so Anfang 20 gewesen sein
und wird irgendwo gearbeitet haben
und hat mich auch problemlos reingelassen,
wenn ich einfach da stand
und klingelte
und wissen wollte,
wie es ihm so geht.
Wie er hieß, kann ich gar nicht mehr sagen.
Ich weiß nur,
dass danach seine Schwester einzog —
er zog aus,
sie zog ein —
und sie wohl irgendwelche Männerbekanntschaften gehabt haben muss.
Jedenfalls hatte sie aber keine Matchbox-Autos
und ich glaube,
ich habe sie dann auch nur ein
oder zwei Mal aufgesucht.
Ansonsten war es dann nicht aufregend genug.
Wer danach dort gewohnt hat,
kann ich gar nicht mehr sagen.
Ich weiß dann nur, dass die eine Frau verstarb
und dort dann der Enkel der Nachbarin einzog —
jener Nachbarin,
bei der es immer komisch roch.
Er bekam die Wohnung
und er saß dann manchmal so
am offenen Fenster
auf dem Fensterbrett
und rauchte eine Zigarette
und hörte Musik.
Aber das war schon Mitte der 80er Jahre
und irgendwann sind dort alle ausgezogen
oder mussten ausziehen,
weil ja das Haus weggesprengt wurde.
Ich weiß gar nicht mehr,
ob ich der allerletzte Mieter war
oder wie lange es sozusagen da noch welche gab,
die dort drin waren.
Weil das Problem war ja,
dass ich bei der Armee war
in den letzten Jahren
und dort,
wie gesagt,
gar nicht mitbekommen habe,
ob da wer ein-
oder auszieht.
Ja, und eines Tages,
wie gesagt,
kam ich dann auf Urlaub
bei der Armee.
Ich war ja ausgezogen
und dann war das Haus gesprengt worden.
Das war im Frühjahr 1989,
ein halbes Jahr länger
und das Haus wäre wahrscheinlich erhalten geblieben,
weil es ja eigentlich
unter Denkmalschutz stand.