Sehen
Erinnerungen an die Nachtigall
Berlin ist reich
an skurrilen Gestalten.
Aber eine der skurrilsten
war die Nachtigall von Ramersdorf.
Mir ist sie Anfang der 90er Jahre
in einem Berliner Szenecafé
über den Weg gelaufen.
Ich saß in der Assel,
einer meiner Lieblingskneipen.
Trank dort meinen Wein,
schwatzte mit den Damen,
die dort ebenfalls
ausgiebig ausgingen.
Um mit anderen ins Gespräch zu kommen.
Es war ein wunderbarer Ort,
um soziale Kontakte zu knüpfen.
Im Gegensatz zu heute.
Damals war es wirklich
ein sehr freier Ort,
an dem man relativ schnell
ins Gespräch kam.
Die Nachtigall kam eines Abends hinein,
stellte sich hin
und fing an, Chansons zu singen.
Er stellte sich als ehrbarer Schauspieler vor,
der in Filmen von Rosa von Praunheim
mitgewirkt habe.
Was man ihm einerseits abnahm.
Andererseits machte er doch
einen sehr heruntergekommenen Eindruck.
Man sah ihm den Clochard an.
Wenngleich er trotzdem
einen gewissen Stil beibehalten hatte.
Sodass man ihm vergnügt zuhörte
und ein bisschen Trinkgeld
in seinen Hut gab.
Er nahm auch Wünsche entgegen.
Ich wünschte mir zum Beispiel
von Brecht den Mackie Messer.
Den hat er dann auch gesungen.
Es war ein interessanter Auftritt,
der so ein bisschen
zwischen Kunst und Mülldeponie lag.
Das ist vielleicht ein bisschen komisch,
aber ich kann es nicht besser beschreiben.
Die Nachtigall hatte es sogar geschafft,
irgendwann in einem Berliner Stadtmagazin
zu den hundert nervigsten Berlinern
gezählt zu werden.
Das setzt schon eine gewisse
Lokalberühmtheit voraus.
Die Nachtigall war ein Mann,
der aber sehr weibisch wirkte.
Und auch dementsprechend sang.
Er hatte sich so ein Image zugelegt
à la Zarah Leander.
Jedenfalls was das Repertoire betraf.
Obwohl er sehr hoch sang
und Zarah Leander eigentlich
eine tiefe Stimme hatte.
Das war eigentlich nicht kompatibel,
aber sie schien sein Vorbild gewesen zu sein.
Gleichzeitig hatte die Nachtigall,
so vermutete man,
einen riesigen Schwanz,
der immer gegen die Hose drückte.
Der war anscheinend nicht steif,
aber es war eine sehr merkwürdige
Beule in seiner Hose.
Und trotzdem vermittelte er immer
ein sehr weibisches Gefühl.
Heute würde man wahrscheinlich sagen,
er las sich selbst weiblich.
Oder er war eine queere Person.
Keine Ahnung.
Aber es ging mit ihm
mit den Jahren immer weiter bergab.
Ende der 90er Jahre
trat er eigentlich gar nicht mehr auf,
sondern kam an die Tische heran
und bettelte um Geld.
Wenn man nichts gab,
passierte es auch schon mal,
dass er einen anspuckte.
Kurze Zeit später muss er, oder soll er,
blind geworden sein.
Und dann zwanzig Jahre lang
in irgendeiner Einrichtung verbracht haben.
Bis er 2019 verstorben ist.
Jedenfalls sagt das Wikipedia.
Und er hat es damit immerhin
zu einem Eintrag dort gebracht.
Wenngleich sein Leben
wahrscheinlich eher trist war.
Ob ich damit richtig liege,
kann ich nicht sagen.
Vielleicht hat er es ja
ganz anders empfunden.