Sehen
Erinnerungen an die neunziger Jahre
Die 90er Jahre sind
von heute aus betrachtet
eine sehr merkwürdige Zeit
und sie sind anders
als die Jahre
nach der Jahrtausendwende.
Sie waren einerseits Westen,
der in den Osten einzog,
sie waren andererseits
noch sehr viel Osten,
der sich erhalten hatte
und langsam aber sicher verschwand
durch die Häuser,
die nach und nach zurückgegeben wurden,
die ihre Fassade erneuerten.
Und man merkte einen gewissen Aufschwung einerseits,
weil sich viele Cafés
auch etablierten,
andererseits merkte man,
dass sehr viele Ostberliner
gefrustet waren,
weil das gesamte Potenzial
an einem bestimmten Punkt
brach lag.
Man hatte nicht die Chance,
etwas zu machen,
weil man für bestimmte Dinge
ein Netzwerk brauchte
oder man brauchte Geld,
Kredit,
aber man hatte keine Sicherheiten
vorzuweisen,
jedenfalls nicht
für jemanden wie mich.
Und so war man gefangen
einerseits in der Möglichkeit,
endlich Dinge zu machen,
die man im Osten nicht konnte —
rein theoretisch —
und andererseits doch nicht dazu
in der Lage zu sein,
weil einem niemand vertraute,
etwas aufzubauen.
Das war eine sehr merkwürdige Zeit,
es brach ja auch viel zusammen
an Unternehmen,
die Arbeitslosigkeit stieg
und wurde dann im Prinzip aufgefangen
durch staatliche Förderprogramme,
was zur Folge hatte,
dass viele Vereine gegründet wurden,
um dann Fördermittel abzugreifen,
um die Leute in diesen Vereinen dann
bezahlen zu können.
Und wer da blickig war,
hatte es dann wirklich geschafft,
sich über Jahre hinweg
eine Existenz aufzubauen.
Viele Kneipen in Berlin
hatten ihren Ursprung
in diesen Vereinen,
die staatlich gefördert wurden.
Das war noch die Kohl-Regierung.
Das war in der Zeit
vor allen Dingen
von 1991 bis 1994
der Fall.
Es war auch eine erste Generation
an Kneipenkultur,
sehr viel Szenekneipen
und Underground-Locations,
die heute überhaupt gar nicht mehr existieren
oder von denen viele gar nicht wissen,
dass dort mal eine Kneipe drin gewesen ist.
Wenn man durch bestimmte Straßen läuft,
wie die Oranienburger Straße
oder die Rosenthaler Straße
und auch in den Seitenstraßen dort,
dann gibt es mittlerweile Läden,
wobei es dann
vom Schreibwarenladen
über den Klamottenladen
über Gastro
zurück zum Modeladen
kombiniert mit Gastro ging,
und so weiter und so fort.
Und es ist halt sehr viel verschwunden
bis auf ein paar wenige Läden,
die aber auch ihre große Zeit
schon lange hinter sich haben.
Die Jahrtausendwende
ist tatsächlich so ein Einschnitt
und die Nullerjahre
unterscheiden sich wirklich groß
von den Neunzigern.
Aber wie man die Neunziger insgesamt
beschreiben soll,
Aufbruch und Stillstand gleichzeitig,
ist etwas,
was ich nicht anders formulieren kann.
Aber das ist wahrscheinlich etwas,
was jeder ganz anders betrachten wird.
Ich denke auf jeden Fall immer noch
mit einer gewissen Wehmut
an die Neunziger Jahre,
weil ich manchmal denke,
dass dort eine Menge verpasster Chancen liegen
und ich glaube,
ich würde die Neunziger
mit dem heutigen Wissen und Können
ganz anders durchleben.