Sehen
Erinnerungen an die Oranienburger Straße
Die Oranienburger Straße war zu Ostzeiten
eine sehr ruhige und beschauliche Straße,
die als einziges Highlight
den Monbijou-Platz hatte.
Ansonsten fuhr dort die Straßenbahn lang,
und es war mehr oder weniger ruhig.
Auch wenn in der Nähe die Friedrichstraße war
und das eigentlich eine sehr große Straße ist –
durch ihre Lage war sie quasi beruhigt,
weil auf der einen Seite die Museumsinsel war
und auch die Mauer nicht weit.
Sodass im Prinzip der Verkehr relativ ruhig war.
Nach der Wende änderte sich das natürlich komplett.
Aber es änderte sich auch etwas vollkommen anderes:
Die Oranienburger Straße fing an,
plötzlich eine Szenestraße zu werden.
Vergleichbar vielleicht mit der Oranienstraße in West-Berlin,
wobei das schon ein bisschen witzig ist –
Oranienstraße und Oranienburger Straße.
Trotzdem war die Oranienburger wiederum noch anders
als die Oranienstraße.
Es gab zwar vergleichbar Szenecafés,
die alle nacheinander aus dem Erdboden schossen,
aber es entwickelte sich dort auch ein Straßenstrich.
Am Anfang hat man ihn noch gar nicht mitbekommen,
jedenfalls ich nicht.
Ich wunderte mich nur,
dass ich auf dem angrenzenden Parkplatz,
wenn ich drüberging,
überall zerrissene Kondome fand.
Bis ich dann irgendwann feststellte:
Ah, das ist der Ort,
wo die Prostituierten mit den Freiern Verkehr haben.
Später haben die Zuhälter dann Wohnungen
in den umliegenden Häusern eingerichtet,
wo sich die Freier mit den Damen des horizontalen Gewerbes
zurückziehen konnten.
Übrigens war der Straßenstrich im Osten
sehr viel attraktiver,
was die Damen betraf,
die sich auch sehr aufgebrezelt haben,
sodass man sie von Weitem immer schon erkennen konnte.
Während der Straßenstrich in West-Berlin doch eher,
ja, ich sag jetzt mal,
Personen hatte,
denen man schon ansah,
dass sie im Drogenmilieu unterwegs waren –
also doch eher heruntergekommen.
Ich habe die Damen immer –
bewundert ist das falsche Wort,
aber es ist schon ein harter Job,
dort zu stehen und darauf zu warten,
dass die Freier in Autos an einem vorbeifahren.
Man merkte es daran,
dass es Freier sind,
weil dann die Autos wirklich von sich aus
auf eine Dreißiger-Geschwindigkeit runtergingen,
obwohl man dort mit fünfzig Stundenkilometern lang fahren konnte.
Die Damen standen dort schon ab dem Nachmittag
bis in die Nacht
und bei jedem Wetter –
bei Wind, bei Sonne und bei Regen.
Da gab es keine Gnade.
Es ging halt ans Geldverdienen.
Witzigerweise sind die Nutten zwischendurch auch
in die Toiletten der Szenecafés gegangen,
um sich dort wieder ein bisschen aufzubrezeln
beziehungsweise auch um mal einen Kaffee zu trinken.
Vor Jahren sah man sie noch,
aber seit zehn Jahren sind die Damen verschwunden,
und der Straßenstrich in der Oranienburger Straße
hat aufgehört zu existieren.
So wie auch zahlreiche der Szenecafés,
die es einfach nicht mehr gibt.
Die Oranienburger Straße ist nicht mehr die tolle Meile,
wie sie es noch vor einer Dekade gewesen ist.
Schade, denn ich habe dort in den 90er Jahren
viele interessante Nächte verbracht.
Es ist tatsächlich eine Ära zu Ende gegangen.