Sehen

Erinnerungen an die Prüfungszeit

Sandro Mohn

Die letzten Monate in der zehnten Klasse
hörten wir mit dem regulären Unterricht auf.

Es gab Sprechstunden bei Lehrern,
die man besuchen konnte,
um bestimmte Themen noch einmal aufzufrischen.

Man konnte dann also sagen:
Herr Lehrer,
ich habe das mit der Sinuskurve
nicht richtig verstanden,
können Sie mir das noch einmal erklären?

Und dann hat der Lehrer
genau die Dinge noch mal durchgenommen,
die man noch einmal erklärt haben wollte.

Das war Unterricht,
den man nutzen konnte
oder auch nicht.

Man hätte auch sagen können,
ich habe frei –
das war jedem selbst überlassen.

Das war schon eine hochinteressante Zeit,
weil das quasi eine Art verlängerte
oder stark verlängerte letzte Ferienzeit war.

Ich ging dann in die Prüfungen.
Erst die schriftlichen,
und dann kamen die mündlichen Prüfungen dran.

Mein großes Problem war,
dass mein Vater zu diesem Zeitpunkt
im Hedwigs-Krankenhaus lag
und wegen seinem Magengeschwür operiert wurde.

Ich habe ihn dann öfter besucht.

Die ersten zwei mündlichen Prüfungen
hatte ich vor seinem Tod.

Und genau in die Prüfungszeit fiel dann
eines Tages der Anruf.

Es war ein Sonnabend,
und meine Stiefmutter ging ans Telefon.

Dann hörte ich einen langgezogenen Schrei.

Dann kam sie zu mir und sagte:
Dein Vater ist gerade gestorben.

Ich habe ihn leider nicht noch mal sehen können,
obwohl ich ihn erst eine Woche vorher besucht hatte
und er da eigentlich ganz aufgeräumt war
und auf dem Weg der Besserung schien.

Aber er bekam eine Sepsis,
eine Blutvergiftung,
und ist dann relativ schnell
an diesem Sonnabend verstorben.

Ich hatte also zwei Prüfungen hinter mir
und zwei Prüfungen noch vor mir.

Ich weiß noch, dass ich völlig geschockt war –
und zwar insofern,
dass ich die Tragweite,
die wirkliche Tragweite,
nicht einmessen konnte.

Natürlich war mir mit siebzehn Jahren klar,
dass mein Vater nie wieder kommen wird.

Aber wenn man den Tod im engsten Umfeld
noch nie wirklich erlebt hat,
dann ist das noch etwas anderes.

Ich habe dann meine Physikprüfung gehabt,
das war die dritte Prüfung.

Ich weiß, ich habe sie im Endeffekt überstanden,
weil man wusste,
dass mein Vater gestorben ist
und ich trotzdem diese Prüfung gemacht habe.

Die letzte Prüfung habe ich dann
wie in einem Rausch absolviert.

Man hat mich beglückwünscht,
wie gut ich diese Prüfung gemacht habe.

Es ist mir bis heute nicht klar,
wieso ich bei dieser letzten Prüfung
in einem euphorischen Zustand war,
obwohl gerade mein Vater eine Woche vorher verstorben ist.

Aber so ist das vielleicht,
dass mein Unterbewusstsein das Ganze
irgendwie ausgeglichen hat.

Ich kann das nicht sagen.

Ich kann nur sagen,
dass die Prüfungen zu Ende waren,
ich in die letzten großen Ferien ging
und plötzlich Vollwaise war.

Meine Mutter ist gestorben,
kurz bevor ich in die Schule kam,
und mein Vater,
kurz bevor ich die Schule verlassen habe.

Das Ganze hat etwas Schicksalhaft-Merkwürdiges.

Aber man kann es sich nicht aussuchen.

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