Sehen

Erinnerungen an die Spielbank am Alex

Sandro Mohn

In den 90er Jahren hatte ich meine Hochzeit,
in der ich mich selbst als semi-professionellen Roulette-Spieler bezeichnete
und ich regelmäßig in den Berliner Spielbanken war.

Berlin war die einzige Metropole in Deutschland,
in der es zwei Spielbanken gab
und mit Spielbanken meine ich nicht irgendwelche kleinen Lokale mit Automaten,
sondern richtig mit großen Roulettetischen
oder Tischen, an denen Bakkara oder andere Kartenspiele gespielt wurden
auf professioneller Basis,
wo es auch einen Krawatten- und Jackettzwang gab,
ansonsten kam man in die Spielbank nicht rein.

Man nannte es auch das große Spiel
gegenüber dem kleinen Spiel,
was das Automatenspiel ist.

Die historische Situation kommt daher,
dass die Lizenz für die zweite Spielbank noch zu Ostzeiten vergeben wurde,
weil es ein Spielbankgesetz gibt
und pro Bundesland darf es halt nur eine Spielbank geben
oder eine Spielbankgesellschaft
und der Oststatus hatte halt Berlin dann zwei Spielbanken beschert.
Clever ausgenutzt.

Die Spielbank im Osten befand sich in den 90er Jahren hoch oben
in der vorletzten oder letzten Etage des Hotels am Alexanderplatz,
also ich glaube in der 37. Etage
und man hatte einen schönen Ausblick über Berlin.

Die Spielbank war kleiner als die Spielbank im Europacenter,
aber ich fand, sie hatte mehr Stil
und man konnte dort genauso gut spielen wie im Europacenter.

Es tummelten sich auch sehr viele Frauen dort herum,
manche auf der Suche nach solventen Männern.
Auch Asiatinnen habe ich einige dabei gesehen
und die Männer versuchten natürlich alle ihr Glück am Roulettetisch
oder sie spielten Blackjack,
genau.

Aber die meisten spielten Roulette,
so wie ich auch.

Es gab dann auch einen sogenannten Kesselgucker,
das heißt er stellte sich neben den Kessel
und beobachtete die Kugel,
wie sie in den Kessel hineinrollte
und kurz bevor der Gruppier absagte,
war er der Meinung zu erkennen,
wo die Kugel hinrollt
und setzte dann sehr viel Geld
auf bestimmte Zahlen oder Zahlenbereiche.

Ich weiß noch an dem einen Tag,
es lief beim Kesselgucker wie geschmiert
und ich glaube er hat so 40.000 D-Mark damals noch an Gewinn gemacht
und da er Angst hatte,
dass ihm die Spielbank ein Spielbankverbot aussprechen würde,
fragte er mich dann,
ob ich für ihn den Gewinn an der Kasse eintauschen könnte.

Er gab mir dazu dann einige Jetons
und ich machte das auch
und er sagte dann zu mir,
dass ich 100 oder 200 Mark für das Umtauschen behalten könne,
sehr generös.

Er kam dann irgendwann zu mir
und sagte,
oh da fehlt aber Geld.

Ich war ganz erschrocken
und dachte,
oh jetzt hatte ich die Mafia
und dann schaute ich in meiner Jackentasche nach
und stellte fest,
ja tatsächlich ich habe einen Chip vergessen umzutauschen.

Ich entschuldigte mich natürlich vielmals bei ihm
und er sagte,
aber es ist schon okay
und ich gab ihm das Geld.

Ein oder zwei Wochen später war ich wieder im Spielsalon
und ich traf den Kesselgucker wieder,
allerdings lief es diesmal nicht so gut
und er sagte dann zu mir,
dass er 70.000 Mark verspielt hat
und er saß da,
den Kopf in die Hände gestützt.

Ich sagte, dass ich wenigstens 100 Mark gewonnen hätte
bis zu diesem Zeitpunkt.

Er tat mir auch furchtbar leid
und danach habe ich ihn nicht mehr gesehen.

Ich vermute mal, er hat sein ganzes Kapital aufgebraucht
und konnte dadurch halt nicht mehr spielen.

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