Sehen
Erinnerungen an die Spielbank im Europa-Center
Die Spielbank im Europa-Center
war gegenüber der Spielbank
am Alexanderplatz ganz anders.
Sie war einerseits mondäner,
größer und sie hatte
einen gewissen Charme,
der mich an bürgerlich-dekadente Zeiten erinnerte
oder ich stellte mir halt vor,
dass man so zu Dostoevskis Zeiten oder so gelebt haben muss.
Sie war allerdings auch irgendwie unmoderner
als die Spielbank am Alexanderplatz,
die ja neu eingerichtet worden war,
während im Europa-Center alles so 70er-Jahre-Charme versprühte.
Aber es war trotzdem heimelig
und schön und es machte Spaß,
dort den Sonntagnachmittag zu verbringen.
Ich war oft mit einem Freund dort
und wir spielten nach einem bestimmten System
und man konnte am Tisch sitzen,
in aller Ruhe einen Kaffee trinken,
unterhalten und ab und zu gingen wir dann
an einen Roulette-Tisch
und setzten nach ganz bestimmter Methodik.
Das hatte auch mal mehr,
mal weniger Erfolg
und eines Tages war es so,
dass an einem Tisch ein Herr herantrat
und mit sehr viel Geld spielte.
Ich hatte ihn dadurch bemerkt,
weil ich meine Jetons an der Kasse
wieder in Bargeld umtauschen wollte
und er stand vor mir
und hatte sehr viel Geld,
sehr, sehr viel Geld hingelegt,
in Größenordnungen,
in denen ich noch nicht mal zu träumen wagte
und ich dachte mir,
oh, das muss ein Profi sein.
Ich beschloss also von daher noch zu bleiben
und ich informierte meinen Spielefreund,
dass wir uns anschauen,
was der macht.
Er legte dann 20.000 D-Mark
einfach auf schwarz
und wartete ab,
was passiert.
Währenddessen umschwärmten ihn dabei
eine Horde junger Frauen
und er sonnte sich also tatsächlich
in diesem weiblichen Pulk
und ich bemerkte irgendwann,
das ist gar kein Profispieler,
das ist ein Gelegenheitsspieler,
der aber halt scheinbar nur sehr viel Geld hat.
Ich fragte dann, ich glaube, Mitarbeiter des Spielcasinos,
ob man diese Person kennt
und man sagte, ja, man kenne ihn.
Er sei ein Bauunternehmer,
der einmal im Monat vorbeikommt
und mit sehr viel Geld
hier um sich wirft.
Ich sah dann, wie er 20.000 auf schwarz legte
und ich fragte mich,
ob ich zu ihm gehen sollte
und ihm sagen sollte,
legen Sie es lieber auf rot
und wenn rot kommt,
geben Sie mir die Hälfte vom Gewinn.
Aber dann dachte ich,
naja, dann kommt schwarz,
dann müsste ich ihm ja auch anbieten,
dass ich ihm im Verlust die Hälfte gebe
und ich ließ es natürlich bleiben.
Prompt kam es aber so,
dass mein Tipp hingehauen hätte.
Ich ärgerte mich ein wenig,
aber gleichzeitig sagte ich mir,
wer weiß, wenn ich ihm den Tipp gegeben hätte,
dann hätte der Kruppi vielleicht ein paar Sekunden später
mit dem Wurf begonnen.
Ich hätte also den Wurf beeinflusst
und dann hätte ich vielleicht doch verloren.
Den Zufall zu überlisten
ist eine Sache,
die nicht sehr einfach ist.