Sehen
Erinnerungen an die Sternwarte
Als Teenager habe ich sehr viel Zeit
in der Sternwarte in Berlin verbracht.
Ich war immer sehr an Astronomie interessiert,
und irgendwann stellte ich fest,
dass man dort sehr interessante Vorträge
zu hören bekommt.
Populärwissenschaftlich,
aber über die neuesten Erkenntnisse
in Astrophysik,
Raumfahrt und Astronomie.
Die meisten Vorträge waren immer
am Anfang des Jahres,
von Januar bis Mitte,
Ende März.
Und das war, soweit ich mich erinnere,
entweder am Mittwoch-
oder am Donnerstagabend.
Ich glaube eher, dass es der Donnerstagabend gewesen ist,
aber ganz beschwören kann ich es nicht.
Das erfuhr man immer
aus einem kleinen Heftchen,
das man sich von der Sternwarte
als Abonnent zuschicken lassen konnte.
Dort waren immer die allerneuesten Veranstaltungen angepriesen.
Ich kann mich noch an eine kleine witzige Angelegenheit erinnern.
Es war ein Vortrag,
in dem nur Männer saßen.
Ich hatte das gesehen,
als man so reinging
in den kleinen Hörsaal,
und ich wettete mit mir selber,
ob der Referent „meine Damen und Herren"
sagen würde.
Und ja, er sprach auch die nicht anwesenden Frauen an,
was mich doch ein bisschen amüsiert hat.
Ich wurde dann später auch Mitglied
im Astronomischen Jugendklub.
Als solches konnten wir im Sommer
ein klein bisschen Geld dazuverdienen,
indem wir Vorträge hielten
an dem kleinen Sonnenobservatorium.
Da hatte ich meinen Part.
Ich bekam vorher eine Einführung,
damit ich keinen Unsinn erzähle –
wie das gesamte Sonnenobservatorium aufgebaut ist.
Ich merkte mir alles
und hatte dann im Sommer
einmal die Woche einen Rundgang,
zu dem tatsächlich auch immer Leute kamen.
Denen zeigte ich dann,
wie das Sonnenobservatorium funktioniert.
Ganz zum Schluss konnten die Leute natürlich
auch noch Fragen stellen.
Und dann fragte mich einer:
Warum sind die Sonnenflecken eigentlich
in einem elfjährigen Zyklus?
Warum nicht zehn? Warum nicht fünfzehn Jahre?
Warum nicht drei?
Warum ist der Sonnenfleckenzyklus so,
wie er ist?
Das wusste ich natürlich nicht.
Aber ich dachte mir,
du kannst diesen Menschen jetzt auch nicht
mit einer unbefriedigenden Antwort
nach Hause gehen lassen.
Und so sagte ich dann,
dass er sicherlich schon was von Neutrinos
und anderer Strahlung gehört hat
und das ein bisschen damit zu tun hat.
So gab ich ihm das Gefühl,
dass er etwas gelernt hat –
von dem ich wusste,
dass er es die nächsten drei Tage
sofort wieder vergessen würde.
Ich ärgerte mich natürlich trotzdem darüber,
dass ich eine kleine Notlüge machen musste.
Ich hätte auch sagen können:
Ich weiß es nicht.
Aber das erschien mir
in diesem Augenblick irgendwie nicht opportun.
Ein halbes Jahr später,
im späten Herbst,
schon fast Winter,
waren wir in Potsdam
im Sonnenobservatorium.
Dort hatten wir den dortigen Einsteinturm besucht,
und natürlich war auch ein Physiker anwesend.
Ich beging den großen Fehler,
ihm genau diese Frage zu stellen:
Warum ist der Sonnenfleckenzyklus elf Jahre lang?
Das Problem war, ich bekam ihn die nächste Stunde nicht mehr
von meiner Seite,
weil er mir aufgeregt dieses und jenes erzählte.
Ich muss gestehen, ich habe absolut nichts verstanden,
obwohl ich eigentlich nicht ungebildet bin
auf diesem Gebiet.
Aber er hat auf einem derart hohen Niveau referiert,
dass ich aussteigen musste.
Ich habe es ihm nicht gesagt,
weil ich ihn nicht enttäuschen wollte.
Und so weiß ich es bis heute nicht –
oder habe es mir nicht gemerkt.