Sehen

Erinnerungen an die Straßenbahn

Sandro Mohn

Straßenbahnfahren im Osten
war noch etwas ganz anderes,
als es das heute ist.

Heute fahren hochmoderne Züge
und damals waren es aber noch Triebwagen
aus den 30er, 40er, 50er Jahren,
die ganz langsam anfuhren
und vor sich hin zuckelten
und ruckelten.

Und auch das Geräusch der Tür,
die dann elektrisch zuging,
ist etwas,
das ich bis heute nicht vergessen werde.

Auch das Quietschen der Straßenbahn,
wenn sie um die Kurve fuhr,
ist ein Geräusch,
das ich bis heute in meinen Ohren habe.

Wenn man das Gefühl erleben möchte,
muss man sich Solo Sunny
von Konrad Wolf anschauen.

Und es beginnt mit einem Straßenbahnquietschen.

Und der Witz ist, dass ich genau weiß,
wo das Ganze ist,
weil das ist nämlich die Straßenbahn,
die bei mir die Rosenthaler Straße lang fuhr
und dann abbog
an der Apotheke.

Und ich konnte es in meinem Bett immer hören,
dieses Quietschen.

Und ich müsste nur den Film mir anschauen,
um wieder in meiner Kindheit zu sein
und die Straßenbahn quietschen zu hören.

Es gibt noch einen Film,
und zwar einen Kurzfilm,
mit dem Oscar ausgezeichnet,
und zwar heißt der Schwarzfahrer.

Das war in den frühen 90er Jahren
von Pepe Danquart.

Und der nimmt, ich glaube,
die Straßenbahn 49,
die hoch von Mitte nach Pankow fuhr.

Und dieser Film spielt noch
in einem dieser ganz alten Straßenbahnwagen.

Und da kann man auch noch mal
das Geräusch hören
und wie es sich anfühlt,
wenn man da drin sitzt.

Die Fahrscheine hat man sich auch
aus so einer komischen Fahrscheinrolle geholt,
wo man 20 Pfennig reinwerfen musste.

Und dann hat man einmal
am Hebel gezogen
und einen Fahrschein in der Hand gehabt.

Aber ich glaube, die meisten haben überhaupt gar kein Geld reingeworfen,
sondern einfach an diesem Hebel gezogen,
was man auch konnte.

Und es kam auch ein Fahrschein raus,
ohne dass man Geld da reingesteckt hat.

Aber na ja, na gut,
so war das halt.

Für mich interessant war,
dass dann Ende der 70er Jahre
im Osten die ersten neun Tatra-Straßenbahnen auftauchten.

Und das hatte für mich
so einen Hauch von Zukunft
oder Science Fiction
oder Aufbruch in eine neue Welt,
weil es halt etwas Modernes war.

Ganz am Anfang, wie gesagt,
nur vereinzelt,
dann immer häufiger.

Aber die alten Straßenbahnen
haben wirklich bis zum Ende der DDR
noch weiter existiert,
parallel zu den neuen.

Und es gab, wie gesagt,
ein paar Linien,
wo nur alte Straßenbahnen fuhren.

Und ich glaube, die letzten davon waren
am Rande von Berlin,
da, wo es rausgeht zum Müggelsee,
beziehungsweise da an diesen Randbezirken von Berlin,
wo es eben teilweise auch noch Straßenbahnen gab.

Und ich glaube, da haben diese alten Straßenbahnen
noch als letztes gefahren
bis, ich sag jetzt mal,
in die Nuller- oder Zehnerjahre vielleicht.

Aber genau kann ich es nicht beschwören.
Ich weiß es nur so vom Hörensagen.

Tja, die Zeit ist vorbei.

Und jetzt fahren nur noch Moderne.

Aber die Alten hatten ihren Charme.

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