Sehen
Erinnerungen an die Turnschuh-Mode
Anfang der 80er Jahre wurden plötzlich Röhrenjeans
in Kombination mit Turnschuhen absolut topmodern,
am besten noch weiße Turnschuhe.
Dann war man das modische Nonplusultra.
Das große Problem im Osten war,
dass es keine guten Turnschuhe zu kaufen gab.
Es gab zwar Turnschuhe,
aber das waren blau-weiße Gummitreter
und das Blau war Segeltuchstoff
und diese Turnschuhe waren nicht wirklich gut,
weder zum Sporttreiben
noch zum modischen Daherlaufen auf der Straße.
Wenn es mal Turnschuhe gab,
gute,
dann musste man die sofort kaufen,
egal ob man sie in diesem Augenblick braucht oder nicht,
aber das war eh immer ein Problem im Osten,
dass man Dinge kaufen musste,
wenn es sie gab
und nicht dann,
wenn man sie brauchte.
Tschechien komischerweise hatte schöne Turnschuhe
und es gab deshalb teilweise einen Turnschuhtourismus
in die Tschechoslowakei hinein,
um sich dort anständige Turnschuhe zu leisten,
während die Tschechen zu uns fuhren,
um sich andere Produkte zu kaufen,
die in der Tschechoslowakei Mangelware waren.
Ich habe einmal Turnschuhe über den Sportverein bekommen
und das waren sogar wirklich Lederturnschuhe,
gelb-schwarz allerdings,
das spielte für mich aber keine Rolle,
Turnschuhe sind Turnschuhe,
obwohl mich mein Vater einmal am Alexanderplatz
in eine dieser Unterführungen,
mit der man unter der Straße hindurch
auf die andere Straßenseite gehen konnte,
abfing.
Er kam mir entgegen,
ich weiß nicht,
was er da gerade in der Gegend gemacht hatte,
und er bemängelte mein Aussehen,
dass ich aussehe wie ein Papagei.
Wahrscheinlich hatte ich ein rotes Hemd an,
eine schwarze Hose
und dann die gelben Turnschuhe
und das muss für ihn fürchterlich ausgesehen haben.
Allerdings hätte ich jetzt böse sagen können,
ja lieber Vati,
aber du kaufst mir auch keine anderen Sachen.
Jedenfalls hat mir das einerseits zu denken gegeben,
andererseits hatte ich halt nichts anderes.
Irgendwann waren die Schuhe dann auch kaputt,
reparieren war teilweise schwierig
und dann weiß ich gar nicht,
was für Turnschuhe ich danach bekommen habe.
Jedenfalls habe ich mich irgendwie über die Zeit laviert.
Das Allerwitzigste oder die Ironie der Geschichte ist,
dass diese Segeltuchstoffturnschuhe zu Ostzeiten,
mit denen man sozusagen ein Mensch zweiter Klasse war,
wenn man sie kaufen und tragen musste,
in den 90er Jahren
und in den Nullerjahren
in Gesamtdeutschland plötzlich topmodern waren.
Genauso wie in den 90ern es unter westdeutschen,
links gestrickten Jugendlichen und jungen Männern angesagt war,
NVA-Trainingsanzüge zu tragen —
etwas, was ich bis heute nicht verstanden habe.
Wie man Dinge anziehen konnte,
die eigentlich verpönt waren.
Aber ich glaube, weil man im Westen groß geworden ist,
hat man dieses Verpönte nicht selbst erlebt
und konnte es demzufolge unbefangen tragen.
Wie sich die Dinge ändern.