Sehen
Erinnerungen an die Verwandtschaft
Die liebe Verwandtschaft ist so ein merkwürdiges Ding in meiner Familie.
Ich wusste zum Beispiel,
dass meine Mutter eine Schwester und einen Bruder hat.
Der Bruder ist in den Westen gegangen,
die Schwester wohnte in einer anderen Stadt.
Ab und zu,
als Kind,
haben wir sie auch besucht,
und es gibt noch Fotos,
auf denen ich mit den Kindern meiner Tante spielte.
Aber dann, nach dem Tod meiner Mutter,
schlief der gesamte Kontakt ein.
Jahrelang hörten wir nichts voneinander.
Meine Großmutter mütterlicherseits,
die ich als Kind noch in Müncheberg besucht hatte,
ging Mitte der Siebzigerjahre in den Westen als Rentnerin.
Ich habe sie danach nur ein einziges Mal gesehen,
als sie zu meiner Großmutter väterlicherseits zu Besuch kam
und dann zu mir einmal sagte,
dass ich ein Schlitzohr sei
und sie an ihren Sohn erinnere,
der leider auch gestorben war bei einem Autounfall.
Danach ist meine Großmutter mütterlicherseits nur noch ein einziges Mal vorbeigekommen,
weil sie ein Geschenk abgeben wollte,
aber ich in der Schule war.
Dann habe ich sie auch nie wieder gesehen.
Die Verwandten meiner Großmutter wiederum,
die in Bayern lebten,
habe ich auch nie zu Gesicht bekommen.
Ich habe gar nicht erfahren,
dass dort noch eine Menge leben und existieren,
was ich erst nach dem Tode meiner Großmutter herausbekam.
Sie hat immer abgewiegelt und gesagt,
ob die noch leben und so weiter.
Da ist auch jeglicher Kontakt zerbrochen.
Ich habe erst, wie gesagt,
weit nach der Wende und nach ihrem Tod mitbekommen,
dass es dort noch Nachkommen gibt,
die ihrerseits ganz normale Familien gegründet haben.
Wir aber sind im Endeffekt völlige Fremde.
Auch die Kinder meiner Tante hatten mit den Jahren wiederum Kinder bekommen,
und es ist alles irgendwie zerflossen.
Meine Familie ist einerseits zwar rein theoretisch sehr groß,
aber praktisch sind die sozialen Kontakte alle erloschen.
Man ist vielleicht ein bisschen auf Facebook miteinander geaddet,
aber man spricht nicht mehr.
Man trifft sich nicht,
man feiert keine Familienfeste.
Das ist alles etwas,
was ich aus dem Film kenne,
aber im realen Leben nie wirklich erlebt habe.
Das ist etwas, was ich schade finde –
dass ich im Endeffekt alleine bin,
obwohl es nicht sein sollte.
Es sind da noch andere witzige Sachen.
Meine Schwestern sind ja nur Halbgeschwister.
Und sie wiederum haben eine Schwester,
die mit mir nicht verwandt ist,
weil ihr Vater,
der nicht mein Vater ist,
seinerseits später eine andere Frau geheiratet hat
und mit dieser noch mal eine Tochter bekommen hat.
Sodass also meine beiden Schwestern zwei Geschwister haben,
während ich nur eines habe.
Eine total komische Situation,
die wahrscheinlich nur so patchworkmäßig zu erklären ist.
Aber das ist auch erst etwas,
was in neuerer Zeit entstanden ist,
was es wahrscheinlich früher nie gegeben hat,
außer vielleicht bei heimlichen,
unehelichen Kindern,
die man dann vielleicht noch dem Ehemann untergeschoben hat.
Man merkt schon, dass sich so ab den Sechzigerjahren,
auch in der DDR,
viel verändert hat,
was diese Familienstruktur betrifft,
obwohl sie im Osten irgendwo noch gefestigter war als heute.
Ich finde es schade,
dass die Familien so in Auflösung begriffen sind.