Sehen
Erinnerungen an die Wahlfälschung im Jahr 1989
Das Jahr 1989 war
ein bemerkenswertes Jahr.
Nicht nur, dass wir
im Herbst den Mauerfall hatten,
sondern auch die Zeit davor,
in der sich die Ereignisse
zum Mauerfall hin zuspitzten.
Ein zentraler Punkt war
die gefälschte Kommunalwahl
vom Mai 1989.
Vielleicht muss man aber
noch ein Stückchen weiter zurückgehen,
und zwar bei der Demonstration
im Februar,
es war glaube ich
der Februar 1989,
wo immer an die Ermordung
von Karl Liebknecht
und Rosa Luxemburg
erinnert wurde,
tauchten Oppositionelle auf,
die ein Rosa-Luxemburg-Zitat
auf einem Transparent hochhielten,
sofort verhaftet
und nach Monaten abgeschoben wurden.
Das war bei der kleinen Opposition,
die es damals gab,
eine durchaus bemerkenswerte Entwicklung,
weil man sich so etwas vorher
nie getraut hatte.
Also man war in der Opposition
plötzlich etwas selbstbewusster geworden,
was aber auch damit zu tun hatte,
dass die Unzufriedenheit im Land stieg.
Und diese Unzufriedenheit nahm
relativ schnell
und schrittweise zu.
Ich kann mich noch daran erinnern,
dass vor der gefälschten Kommunalwahl
wir bei der Armee darüber diskutierten,
ob die Wahl gefälscht wird oder nicht.
Und ich sagte, naja,
dass die Regierung sich
in eine Sackgasse manövriert hat.
Wenn sie nicht fälscht
und die Zustimmungsraten
von 99 Prozent
auf 90 Prozent sinken,
dann müssten sie erklären,
woher plötzlich diese 9 Prozent Ablehnung kommen.
Und das würde sie in Schwierigkeiten bringen.
Wenn sie fälschen, dann würden die Leute begreifen,
dass gefälscht wird
und sie würden sich ebenfalls
in eine Sackgasse manövrieren.
Ich war also von daher gespannt
und vermutete aber,
dass gefälscht wird.
Und tatsächlich war es so,
dass als dann die Ergebnisse
verkündet wurden
und es wieder 99,5 Prozent Zustimmung waren
und wusste jeder,
dass das Ergebnis nicht stimmt,
weil allein in der eigenen Bekanntschaft
so viele Unzufriedene waren,
dass man wusste,
das offizielle Ergebnis war gefälscht.
Ich hatte selbst mit Offizieren gesprochen,
die zugaben,
dass die Wahlbeteiligung
und die Zustimmungsraten
im Armeeobjekt schlecht waren.
Ich selber hatte vorgewählt,
weil ich auf Urlaub war
und von daher konnte ich
das Ergebnis mir im Armeeobjekt selber nicht anschauen,
was interessant gewesen wäre,
aber ich war ja in Berlin
und habe meinen Urlaub genossen.
Aber diese Wahlfälschung war für mich auch
ein zentraler Bruch mit der DDR,
weil ich dort schwarz auf weiß erfahren habe,
dass es nicht mit rechten Dingen zugeht.
Die oppositionellen Gruppen waren ja auch
in den Lokalen gewesen
und hatten vor Ort sozusagen
Überprüfungsteams gebildet,
um selbst nachrechnen zu können
und sie haben natürlich
den Unterschied dokumentiert
und das wurde dann auch
im Westfernsehen
und im Westradio natürlich
ausführlich besprochen.
Von diesem Augenblick an
war es dann nicht mehr weit bis dahin,
dass zwischen Ungarn und Österreich
der Grenzzaun demontiert wurde
und ab diesem Zeitraum begann
die große Ausreisewelle der DDR
und es war der Anfang vom Ende
hin zum Zusammenbruch.