Sehen
Erinnerungen an die Weltfestspiele
Sehr gut kann ich mich auch noch an die Weltfestspiele erinnern.
In dem Haus meiner Großmutter gab es im Parterre eine Wohnung,
in der niemand wohnte,
sondern die als Hausgemeinschafts-Sitzungsort verwendet wurde.
Dort lagerten alle möglichen Dinge.
Es gab auch einen großen Tisch,
an den man sich setzen konnte,
um zu diskutieren.
Es war im Osten ja alles ideologisch durchorganisiert.
Ich kann mich noch daran erinnern,
dass zu den Weltfestspielen in diesem Raum alles Mögliche an Werbematerial vorhanden war.
Vor allen Dingen diese fünfblättrige Blume
mit den unterschiedlich gefärbten Blütenblättern
und allem anderen Papierkram
und Werbeprospekten,
die der Osten hat drucken lassen,
um sich im besten Licht zu zeigen.
Unser Kindergarten hatte ebenfalls an den Weltfestspielen teilgenommen.
Er war bekannt dafür,
dass er einen Chor hat,
und wir haben auch Radioaufnahmen gemacht.
Unsere Kindergärtnerin hatte dann die Idee,
uns alle in verschiedene Kostüme zu stecken,
die jeweils ein Land symbolisieren sollten.
Dann sollten wir auf einer Bühne auf dem Alexanderplatz zu Musik tanzen
und sozusagen ein Rahmenprogramm bilden.
Ich war nicht sehr zufrieden mit meiner Kleidung,
denn ich wurde als Schotte angezogen
und hatte demzufolge einen Schottenrock an.
Als Junge sah ich dann aus wie ein Mädchen,
und das hat mir überhaupt gar nicht gefallen.
Obwohl es noch Bilder gibt,
wo man sieht,
wie ich mit einem anderen Mädchen darauf tanze.
Es hat mich aber insgesamt doch sehr geärgert.
Dann kann ich mich noch daran erinnern,
dass es sehr warm war zu diesem Zeitpunkt.
Es war wirklich wunderbares Kaiserwetter,
wenn man Kaiserwetter im Sozialismus sagen kann.
Es gab dann noch eine Abschlussveranstaltung,
oder vielleicht war es auch die Eröffnungsveranstaltung,
ich kann das gar nicht mehr sagen.
Aber ein großer Zug an allen möglichen Teilnehmern,
die durch die Straßen zogen,
und zwar zum Stadion der Weltjugend.
Das wurde extra, ich glaube,
zu diesem Zeitpunkt umbenannt –
vorher war es ja das Walter-Ulbricht-Stadion.
Die Teilnehmer marschierten singend und tanzend durch die Straßen,
während wir als Zuschauer am Straßenrand standen.
So ein bisschen war der Umzug wie heute der Karneval der Kulturen.
Die einzelnen Leute hatten doch sehr viel Spaß und Lebensfreude,
und ich kann mich auch noch an Afrikaner erinnern,
die dann tanzten
und in sehr bunter Kleidung dort entlangschritten.
Ich kann mich auch noch an ein Konzert der Puhdys erinnern,
dass sie auf dem Alexanderplatz gegeben haben.
Es lief im Fernsehen.
Der Alexanderplatz ist ja nicht so weit von mir entfernt,
aber ich habe es damals im Fernsehen gesehen.
Ich glaube, das war auch einer ihrer großen Auftritte,
mit dem sie dann eine der bekanntesten Bands geworden sind.
Dass Ulbricht zu diesem Zeitpunkt gestorben ist,
das hat man fast gar nicht mitbekommen.